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zu erheben. Ihre Züge trugen den gewöhnlichen, gleichgiltigen Ausdruck. Das GlaSwar nahezu gefüllt, da zuckte die Hand, welche es bisher so ruhig gehalten, jäh zu-sammen. In den verschleierten, aurikelbraunen Augen Mabel Harland's flammte esblitzgleich auf — über ihr Antlitz ging ein heißes plötzliches Noth. Was war geschehen 2Wahrend sich Doctor Acton diese Frage vorlegte, begegneten seine Blicke den ihren; siewurzelten sekundenlang ineinander — zum ersten Mal im Leben!
Und dann wurde Alles wieder, wie es gewesen. Das schöne junge Gesicht desMädchens sank in seine Alltägliche, kühle Reserve zurück, — nur die Augen entzogen sichfür den Verlauf dieses Abends ersichtlich jeder Kontrolle. Sie schienen gebannt durcheinen einzigen, an sich unbedeutenden Gegenstand, sie mußten wieder und wieder zu demRinge, dem schmalen, kunstlosen Nubcnringe zurückkehren, welchen Mr. Acton am kleinen
Finger seiner linken Hand trug.Von diesem Tage an verhielt sich die
junge Dame merklich anders gegen den Hausarzt der Gregory's. Unzweifelhaft hattejener rüthselhafte Augenblick ein geheimnißvolles Interesse für Lewis Acton in ihr wach-gerufen; ein Interesse, welches sie veranlaßte, den Gegenstand desselben im Geheimenununterbrochen zu beobachten. „Er muß arm sein", — äußerte sie eines Tages zu EllenGregory, welche das Gespräch zu allen Zeiten auf die Person ihres heimlich angebetetenMr. Acton zu bringen wußte. „So wenig seine äußere Erscheinung darauf schließenläßt — ich glaube es dennoch."
„Du hast nicht so Unrecht, Mabel. Der alte Mrs. Stoward, weißt Du, welcherseine Familie in der Vergangenheit genau kannte, sprach mir neulich im Vertraueneinige Worte darüber. Mr. Acton besitzt einen Bruder, Mabel, der in einem indischenNegimente dient und dort Schulden macht ohne Aufhören. Glaubst Du, daß die PraxisActons, wie sie hier beschaffen ist, genug abwirft, jene Schulden zu decken? Ich nicht.Und dem ist auch nicht so. Trotzdem will und kann er den Schimpf nicht auf seinemguten, ehrlichen Namen dulden, und — deshalb, gute Mabel, sind seine Wangen soblaß, seine Augen so trüb."
„Endlich die Lösung!" sagte Mabel Harland träumerisch, wie zu sich selbst. Danachsank ihr Kopf mit den schweren, dunkelbraunen Flechten auf die über dem Stickrahmengekreuzten Arme nieder. Ellen Gregor») erhob sich geräuschlos, um zu gehen.
„Die arme Seele ist eingeschlafen", sagte sie sich. „Sie sah auch nicht sonderlichfrisch auS in den letzten Wochen. Etwa, als ob ein heimlicher Kummer sie guäle. —-Gütiger Himmel — ist denn ein Menschenherz hier auf Erden ganz ohne Leid?!"
Miß Harland war seit geraumer Zeit eine leidenschaftliche Theaterfreund»» geworden.Sie liebte es, in Begleitung ihrer Jungfer allabendlich den Weg durch Harland-Park zuFuß zu machen — und kehrte dann nach beendeter Vorstellung vermittelst eines Mieths-wagens nach Hause zurück. Sie gab an, durch das Bewußtsein, von dein eigenen Ge-fährt abgeholt zu werden, um alle Ruhe und in Folge dessen um alle Genüssenfreudezu kommen. Sie »volle im Theater erscheinen und verschwinden können nach Belieben,wie es der Moment eben gebe. Hier, »vie fast in Allein, ließ man Mabel gewähren.
— Seit jener Montagsgesellschaft mit den» Bordeaux-Jmpromtu schien die schöne MißHarland in der That von einem fremden Geiste beseelt.
Von einem liebenswürdigeren Geiste jedenfalls. Sie vermochte es jetzt, wärmerund mit freundlicherem Ausdruck in Blick und Stimme, mit den Menschen zu reden —ihr Auftreten erhielt den Anstrich von sanfter Weiblichkeit, welcher ihrer Erscheinungdoppelten Reiz verlieh. Bisweilen stellte»» sich auch Stunden voll fieberhafter Unruhe
— voll räthsclhafter Traurigkeit — ein, oder auf Augenblicke ein Heller Frohsinn, herein-brechend »vie plötzliches Sonnenlicht. Oft schien es, als seien die Theaterabende — dieseStunden zwischen Aufgang und Niedergang des phantastisch bemalten Bühnenvorhangs
— die einzigen, während welcher sie sich wahrhaft glücklich fühlte. Nach beendeterVorstellung stieg sie dann Abend für Abend »n ein durch die Jungfer von» Halteplatzder Miethsfuhrwerke herübergerufenes Cab, und kehrte, fchiveigsam in die blausammetnen