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Kissen dieses leichten, kleinen Wagens zurückgelehnt, die Augen träumerisch auf die Ge-stalt des Kutschers, der in seinem mächtigen schwarzen Mantel wie ein Erzgebilde in dieDunkelheit heineinragte, gerichtet, nach Harland-Park zurück.
Mit Doktor Hepkins — welcher in Wahrheit nichts als ein eigensinniger alterIgnorant war, den man in den meisten Familien nur noch aus Gewohnheit und Bequem-lichkeit festhielt, weil man sich daran gewöhnt hatte, ihn als ein Stück alten, unver-äußerlichen Hausraths zu betrachten — schien man in Harland-Park auch durchaus nichtmehr so zufrieden, als vordem. Mabel war jetzt in der That der Ueberzeugung, daßDoktor Acton den Andern in jeder Hinsicht übertreffe, aber ich befürchte, sie würde auchohne diese Ueberzeugung das parfümirte Briefchen mit Freude abgesandt haben, welchesDoktor Hepkins das rückständige hausärztliche Honorar nebst dem Dank für seine bis-herigen Bemühungen überbrachte.
So war nun Mr. Lewis Acton plötzlich nach Harland-Park, zu der leidenden Mrs.Harland gerufen worden. Mabel trat ihm mit ernster Würde, jedoch ohne einen Anflugihres früheren, verletzenden Hochmuthes entgegen. Sie war in der Folge nicht mit Regel-mäßigkeit bei seinen Besuchen in Harland-Park gegenwärtig — aber häufig genug.Und dann endete der ärztliche Besuch nicht selten mit einer traulichen Theestunde imZimmer der Mrs. Harland. Diese Theestunden, so kurz und ereignißlos sie hingingen,standen in der Erinnerung wie Sterne da für Doctor Lewis Acton — dessen dunklesLeben wundersam verklärend.. Seine einsame Seele fand nirgends Befriedigung, alshier — in dem kleinen, dämmerigen Raum mit der grünverhängten Lampe, mit derBronze-Tapete und all' den alten, hochmüthigen Harland - Portraits, — in der Gesell-schaft der geduldigen, blassen Frau und der schönen, ruhigen Mabel, über deren träumerischenAugen es jetzt bisweilen wie ein feuchter Schleier lag, wie Morgennebel, den die Sonnebereits verheißungsvoll durchleuchtet!--
„Ich möchte wissen, ob ich von der Vorsehung dazu bestimmt wurde, ein Märchenzu erleben!" sagte sich Doktor Acton bisweilen, wenn er Abends durch die lange Ulmen-allee von Harland-Park seinen Heimweg antrat, — vor sich und hinter sich Nacht, übersich die schweigsamen Sterne. — „Und dann auch — wie dieses Märchen enden wird!Was ist dieser Mabel Harland durch den Sinn gegangen, als ihre Hand den Bordeauxverschüttete, und ihre kalten Augen zum ersten Mal die bestrickende, gefährliche Sprache
der Leidenschaft sprachen?!"-
(Schluß folgt.)
Reise-il-er aus der Herzegowkua.
(Schluß.)
Etwa um die dritte Nachmittagsstunde am heil. Weihnachtsabende langten wir ander letzten Brücke über den Bistricabach, welche unmittelbar vor Livno steht, an. Dieso romantisch gelegene Stadt hat mit wenigen Ausnahmen nur hölzerne, riegelwandartige,mit Koth beworfene und mit Kalk bestrichene Häuser sehr primitiver Bauart, sehr vielesind nur aus Weidengeflecht, denen durch Lehm einige Festigkeit gegeben wurde, dieBedachung ist meist Stroh und Holz, aber derart mangelhaft, daß es fast überall hinein-regnet; bei heftigem Sturme (Bora), welcher hier sehr häufig ist, schwanken diese Häuserhin und her, daß man sich auf einem Schiffe im Meere zu befinden wähnt und in Gefahrkommt, seekrank zu werden; durch Fenster und Thüren, ja durch die Wände weht derWind, so daß ich mich angekleidet, mit der Mütze auf dem Kopfe, zu Bett legen mußte,um der Kälte und dem Winde zu widerstehen. Die bestgebauten und größten Häuserder reichen türkischen Begs wurden größtentheils während der Beschießung Livnos durchdie Occupationstruppen zerstört, so daß die Stadt voll von Ruinen ist; es war diesesein großer Verlust für die Truppen, da hiedurch sehr viele, ja die meisten und bestenUnterkünfte für sie verloren waren; denn die größten Häuser sind nur einstöckig, mit