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Von Alsons v. Rosthorn.
Die blutroth aufgehende, einen heißen 9. Mai verkündende Sonne fand mich anBord eines von jenen Dampfern der Florio-Gesellschaft, welche längs der NordküsteSiciliens nur in Cefalu, S. Stefano und Milazzo anlegend, eine directe Verbindungzwischen Palermo und Messina herstellen. Trotz der frühen Morgenstunde und einerleichten Seebrise war der Zustand auf dem Schiff schon fast unleidlich. Keine Wolketrübte den hochblauen Himmel und nur ein leises Zittern der Rauchsäule ober demKamin gab eine matte Regung in der heißen Luft kund. Ich hatte eben von jenenAnnehmlichkeiten Gebrauch gemacht, welche die Seereise der Fahrt aus Eisenbahnen voraushat, indem ich mich der kleinen Dosis lauen Waschwassers, welche meine unbequeme mitübercinandergethürmten sogenannten Betten gefüllte Sabine darbot, zur Vollendung meinerToilette bediente, als eine gesteigerte Bewegung unter den Leuten an Bord die Ein-förmigkeit des Schisflebens unterbrach. Ich eilte die kleine Treppe das Verdeck hinan,um nach dem Gegenstand der Unruhe auszuspähen.
Siehe da! Wir befanden uns an der Einfahrt in die Meerenge von Messina.Gleich einem breiten Strome von beiden Seiten durch mächtige Gebirgsstöcke eingedämmt,öffnet sich dieselbe weithin gegen Süden, wo dem weitausschweifenden Blicke in der Fort-setzung von Himmel und Meer kein Einhalt geboten wird. Rechts erhebt sich in zackigenUmrissen die lange Kette der pelorischen Berge, früher die Gebirge Neptun's genannt,welche die herrliche Ostküste Siciliens entlang allmälig in blauer Ferne verschwimmen,während zur Linken, also ostwärts, die bewaldeten Höhen Calabriens bis knapp ansGestade herantretend, schroff gegen das Meer abfallen und erst gegen Reggio zu einenschmalen Küstensaum übrig lassen, so daß man kaum begreifen mag, wie jene Mengevon Ansicdlungen und kleinen Städten gerade hier, zwischen Land und Klippen sich hinein-zwängend, ihre Entstehung nehmen konnte. Noch unbegreiflicher wird uns die Wahldieser Steilküste für die Anlage menschlicher Wohnsitze, wenn wir bedenken, daß wir hierdie Verbindungslinie zwischen Aetna und Vesuv , die den Erdbeben am meisten ausgesetzteStrecke Italiens, ja Europas , vor uns haben. Man muß stets fürchten, daß die ganzeKüste mit all' ihren schönen Ortschaften bei der nächsten Erschütterung ganz gemüthlichinS Meer Hinabrutschen könnte.
In unserer nächsten Nähe erhebt sich gleichsam aus den Meeresfluthen der starkbefestigte Leuchtthurm des Faro , den am weitesten gegen Nordost vorgeschobenen Punktder Insel, das Cap Pelorus bezeichnend. An einer sandigen Landzunge, welche sich weitins Meer hinausstreckt, ist das kleine schmutzige Fischernest Faro gelegen, das durch eineStraße mit Messina und seiner Umgebung in Verbindung steht. Dem Dorfe Faro gegen-über, bezeichnet ein auf hohem Fels situirtes Castell den ehedem so gefurchtsten Ort,wohin die Poeten des Alterthums jenes gewaltige, mit Hunderachen versehene, die vorbei-fahrenden Schiffe bedrohende Ungeheuer der Scylla versetzen zu müssen glaubten. —Wesentlich wurde diese Vorstellung von dem SchreckenSthier noch durch die Malerei ge-fördert, indem zur Darstellung desselben Phalerion mit. erhitzter Phantasie in nervösenUebertreibungen sein Talent aufbot. Bis ins Mittelalter herauf geht dieser Aberglaube,bis der Leeheld Nelson als der Erste es wagte, mit seinem Geschwader ruhig durch-zuführen. Doch der Umstand, daß die Athener, Syrakusaner, Locrer und Rhegier sicherkühnten, in dieser Enge einige Seeschlachten auszufechten, beweist hinlänglich, daß die-selbe von den Matrosen der Alten weniger gefürchtet gewesen sein mußte als von denDichtern. Eines einzigen wirklichen Unglücks thun die Annalen Scylla's Erwähnung,indem sie berichten, daß im Jahre 1733 wahrend des schrecklichen Erdbebens durch einekolossale Sturzwelle 2000 Menschen plötzlich weggeschwemmt wurden, ohne daß bei derSchnelligkeit der Erscheinung auch nur ein einziger Hilferuf der Opfer vernommen werdenkonnte. Der Fels, selbst kühn vorspringend, an der Basis etwas ausgehöhlt, zeichnetsich durch nichts Besonderes aus. Hinter ihm breitet sich eine sandige Bucht, in welcher