Ausgabe 
(20.11.1880) 41
 
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die jetzige Stadt Scylla, knapp an die Küste gebaut, in recht romantischer Umgebung sichganz hübsch ausnimmt. Capital, Smyth, ein bedeutender Marinem-, konnte, wie seinendetaillirten sicilianischen Rcisebeschreibungen zu entnehmen ist, trotz eifriger Beobachtungenaller physikalischen und marinen Erscheinungen der Meerenge, hier nichts entdecken, wasnur einigermaßen jene Fabeln der Alten glaubwürdig erscheinen ließe.

Hesiod und Diodor beschreiben die Meerenge als. eine weite See und bis aufunsere Tage war die Breite derselben ein Gegenstand des Streites. Smyth gibt nachseinen Messungen die Breite, als Entfernung zwischen dem Leuchtthurm von Faro unddem Felsen der Scylla, mit 6047 Dards an, während jene zwischen dem Leuchtthurmvon Messina und der Kathedrale von Reggio als 13,187 Jards betragend angeführtwird.

Die mit mehr Recht berüchtigte Charybdis, heute Galofaro genannt, befindet sichum ein bedeutendes tiefer gegen Süden außerhalb des Hafens von Messina , welcherUmstand gar sehr gegen die Bewahrheitung des alten Sprichwortes stimmnInoiclitin 8o^Uam, H,ü vult vitai-v CÜmr^bäim!" Ein einfacher Strudel, unserm Wirbelder Donau vergleichbar, dürfte dieselbe für die Schifffahrt kaum Gefahr bieten. Fürdie primitiven unbedeckten Schiffe der Griechen mag sie freilich eine einigermaßen gefähr-liche Stelle gewesen sein, da selbst heute noch kleine Fahrzeuge zum Nundtanz gezwungen,nur durch herbeieilende Lootsen hievon befreit werden können. Smyth sah sogar einKriegsschiff von 74 Geschützen auf der Oberfläche der Charydis sich drehen, doch kanndieselbe bei einiger Vorsicht nicht Schaden verursachen.

Immer klarer wurden die einzelnen Details, die sich nnt verwirrender Schnelligkeitentwickelten, bald hatten wir Messina in Sicht und nun begann das jedem Landen vor-ausgehende geräuschvolle Treiben, der Lärm der ablaufenden Winden und Hebmaschinen,der Spectaksl beim Loslassen des Ankertaues, das Geschrei der Schiffsmannschaft, dasFluchen des Capitäns und der Offiziere den Matrose», das Schelten der Passagiere denCamarieri gegenüber, das allgemeine Gewirre, das fortwährende Laufen Treppen aufund ab, das unstete Koffersuchen, Schachteln tragen u. s. w., so daß man selbst alleRuhe verliert und in seiner Bequemlichkeit gründlich gestört wird.

Messina gemährt von der See aus ein vollgerundetes, schön begrenztes Bild: ImVordergründe imponirt eine endlose, längs der Marina hinziehende Palastreihe, diePalazzata, dahinter liegt die durch zwei erhöhte Castelle beherrschte Stadt, welche schließ-lich durch die knapp herantretenden pelorischen Berge abgeschlossen wird, davor das tiefeAzurblau der Meeresfluthen, deren wunderbaren Farbenwechsel einen Chromathologenzu ganz interessanten Forschungen anregen könnte.

Wir hatten unterdessen den Hafen erreicht und waren in der Mitte desselben vorAnker gegangen. Wie eine Schaar hungeriger und blutdürstiger Haie die hiflose Beutelüstern umlauern, so unfreisten das einlaufende Schiff zahllose Barken.

Nachdem ich das Gesinde!, welches sich als Vertreter des Hotels und dergleichengerirt und die ganze geldverlangende Meute nach der auf italienischen Reisen gut er-lernten Methode abgetrumpft hatte, eilte ich auf schwankende»: Kahne dem Gestade zu.Das Gefühl und das Bewußtsein sichern Boden unter den Füßen zu haben, that wohlund ich wollte mich in verschiedenen Betrachtungen ergehen, als ich plötzlich durch diegrau-gelben, den eifrigen Dienern der Finanzbehörde angehörenden Uniformen an dierealste Wirklichkeit gemahnt wurde. Die verführerisch wohlwollende Frage der ewig Un-gläubigen, ob ich vielleicht etwas Zu versteuern hätte, die von einem Blicke der durch-dringendsten Mcnschenkenntniß begleitet, mir sofort den Standpunkt klar machen sollte,mußte ich zum Leidwesen der Herren im Bewußtsein meiner diesbezüglich reinsten Un-schuld verneinen, worauf meine Koffer, der Lynch-Justiz übergeben, mit den feinfühligstenFingern der Welt Bekanntschaft machten. Wenn die Bestechung der Finanzbehörden hiernicht gerade so öffentlich und unverschämt betrieben wird, als auf Corfu, wo man vonder Dogana förmlich gezwungen wird, seine Koffer nicht durchsuchen zu lassen, sondern