Ausgabe 
(24.11.1880) 42
 
Einzelbild herunterladen

UnteclmktumMtatt

zur

Augsburger postzeitung."

8?r. 42. Mittwoch, 24. November 1.660

Wer edel lebt, hat doch stürb' er auch früh Jahrhunderte gelebt.

Klopstock .

Wie man zu einem Amte kommt.

Eine wahre Geschichte.

In Gedanken versunken bummelte ich durch eine fashionable Gasse einer Haupt-stadt, als eine bekannte Stimme mich aus meinen Träumereien aufschreckte. Ich wendetemich um und ein mir aus den Augen verschwundener Schulfreund stand mir gegenüber.Meine freudige Ueberraschung wurde aber noch- vermehrt, als ich sein elegantes Aeußerebemerkte; hatte ich doch den braven und fleißigen T. immer nur als einen armen Jungengekannt. Er war der ärmste, aber der beste Schüler unserer Classe gewesen. Nach ab«solvirten Gymnasial- und Universitätsstudien trennten sich unsere Wege und nur so vielwußte ich von ihm, daß seine Armuth ihren Höhepunkt erreichte, als er das Doktor-diplom und sonst nichts mehr in der Tasche hatte.

Woher also die Wendung? Mein Schulfreund ließ mich nicht lange im Zweifeldarüber und begann zu erzählen wie folgt:

Nach Vollendung der Universitätsjahre suchte ich mit einem nur der noch unent-täuschten Jugend eigenen Eifer eine meinen Kenntnissen entsprechende Stellung, in dersicheren Ueberzeugung, durch dieselbe, wenn auch nicht allsogleich, so doch in einiger Zeitdie Früchte eines Jahre langen, mühevollen und Dir kann ich es sagen erfolg-reichen Studiums zu ernten. Wo ich aber anpochte, überall fand ich geschlossene Thürenoder i« günstigsten Falle inniges Bedauern. Darüber verstrichen Monate. Mein Selbst-vertrauen wurde schwächer, meine Aussichten immer geringer und Schneider, Schusterund leider auch mein Magen immer ungeduldiger.

Das Einzige, was mich in dieser Misere noch aufrecht erhielt, war ein noch vonden Universitätsjahren her datirendes zartes Verhältniß. Eine Stunde inihrer" Gegen-wart verbracht, entschädigte mich reichlich für alle Schicksalstücke, und manche Enttäuschung,die ich erfuhr, war vergessen, durfte ich in Lilly's Augen lesen. Oft spendete sie mirsüßen Trost, wenn ich muthlos an ihrer Seite saß, belebte hiedurch meine Hoffnungenund meine Spannkraft auf's Neue. Nicht so ihre Eltern, welche von Tag zu Tag un«!freundlicher und mürrischer mit mir umgingen. Erst war ich kleinen Nörgeleien ausge-setzt, später mußte ich unliebsame Andeutungen hören, die sich manchmal zu recht bos-haften Bemerkungen zuspitzten, und noch später sah ich unzweideutig, daß Lilly's Elternein hoffnungsloses Verhältniß zu ihrer Tochter abgebrochen wissen möchten. Ich sah inLilly's Augen, ein Blick und wir verstanden uns. Wir waren entschlossen, bessereTage abzuwarten und ich ging. . . .

Von mannigfachen Entbehrungen gepeinigt, lief ich unruhig Straße auf, Straßeab und suchte Brod, und ich verlebte eine Zeit des fürchterlichsten körperlichen und geistigenSiechthums. Ich schrieb Gesuche für arme Leute, Rollen für Schauspieler, und merkte