Ausgabe 
(24.11.1880) 42
 
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mit Schaudern, daß ich von Tag zu Tag immer tiefer sank und im Verzweiflungskampfeum's Dasein jene Richtung ganz aus den Augen verloren, die ich mir in meinen Jugend-träumen einst vorgezeichnet. Nun hinderte mich vollends mein herabgekommenes Aus-sehen, behufs Besserung meines Looses energische Schritte einzuleiten. Nach so vielenvergeblichen Bitten und Gesuchen, war es da ein Wunder, wenn ich entmutigt dieFlügel sinken ließ und, finsterem Pessimismus mich hingebend, keine freundlichen Tagenwhr erwartete? So war ein Jahr verflossen, als ich im Amtsblatts eine Stelleausgeschrieben fand, welche, wie das Ausschreiben besagte, genau so viel trug, daß manzum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel hatte. Nichtsdestoweniger beeilte ich mich, eineOfferte einzureichen, welche auch unverhoffter Weise nicht unbeantwortet blieb. Nach achtTagen erhielt ich eine Zuschrift, mich beim Bureauchef I- des Finanzministeriums an diesemTag vorzustellen, um den Bescheid auf mein Gesuch entgegenzunehmen.

Nun erst befand ich mich in Verlegenheit, denn in meiner dcrangirten Toilettekonnte ich nicht bei dem gestrengen Herrn Bureauchef erscheinen, wollte ich mich nichtder Eventualität aussetzen, schon dieserhalb abgewiesen zn werden. Was aber thun LDa fiel mir zum Glücke ein, daß v. Z., unser alter Kamerad, dem ich vor einigen Tagenbegegnet war, mich in leutseligster Weise ermuntert hatte, zu ihm zu kommen, wenn ichEtwas bedürfe und stracks ging ich zu ihm, klagte ihm meine'verzweifelte Lage, und mitgrößter Bereitwilligkeit stellte mir v. Z. seine reiche Garderobe zur Verfügung. Werwar glücklicher als ich? Mein Selbstgefühl kehrte wieder und gehobenen Hauptes undMuthes ging ich von einigen Bekannten, die mich früher kaum beachtet hatten, freundlichgegrüßt, die Straßen entlang.

Da welch' Entsetzen! sehe ich meinen Schneider mir entgegenkommen. Mitkhnte Schreckliches, aber zu meinem nicht geringen Erstaunen drückte mir der sonst soUnfreundliche ganz freundlich die Hand. Es ist nicht schön von Ihnen, rief er inleutseligster Weise aus, daß Sie sich so lange nicht bei mir sehen lassen, und dabei blin-zelte er unausgesetzt nach meinem Fracke.

Ich wollte mich entschuldigen, er ließ mich aber nicht zu Worte kommen.

Erst heute habe ich neue Muster erhalten und ich bin überzeugt, daß die pracht-vollen neuen Stoffe Ew. Gnade» gefallen werden. Wann darf ich also meine Auf-wartung machen?

Bitte .... stammelte ich in meiner Verlegenheit hervor.

Also Nachmittags! und den Hut tief ziehend, ging er seines Weges weiter.

Kaum hatte ich mich von dem ausgestandenen Schrecken erholt, als ich den VaterLilly's bemerkte, der vor der Auslage eines Juweliers stand, und von dem jetzt nichtgesehen zu werden, mein sehnlichster Wunsch war. Er hatte mich Unglücklicher» aberschon erblickt, begrüßte mich freundlich und machte mir laute Vorwürfe darüber, daßich mich von seinem Hause gänzlich zurückgezogen habe, und um seine Liebenswürdigkeitzu vervollkommnen, lud er mich zum Abendessen ein und band mir auf die Seele, umso gewisser zu erscheinen, als der Vorabend von Lilly's Namenstag gefeiert werde. Ichhätte ihm um den Hals fallen mögen, Mußte aber blutenden Herzens seine Einladungzurückweisen, hatte ich doch die erborgte Toilette nach abgethaner Audienz zurückzuer-statten. Mein präsumtiver Schwiegervater gab sich aber nicht eher zufrieden, bis ich ihmfür die allernächste Zeit eine Visite zusagte.

Ich wußte es ja, meinte der Biedermann, daß Sie endlich doch Carriere machenwürden, und habe es immer mit Ihnen gehalten, aber daß sie ihre alten Freunde deß-halb vernachlässigen und sich gar nicht mehr um uns kümmern würden, das ist wahr-haftig nicht schön von Ihnen.

Ich schnitt ein verlegenes Gesicht und versprach, mich zu bessern. Endlich langteich beim Ministerhotel an. Der Portier grüßte ehrerbietig und ertheilte mir bereitwil-ligst die gewünschte Auskunft. Im Vorzimmer angelangt, werde ich allsogleich angemeldetund vorgelassen, ja der Herr Rath kommt rnir sogar verbindlich lächelnd entgegen, reicht