Ausgabe 
(27.11.1880) 43
 
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Damit sprang die kleine Hexe fort.

Ich ging nach Hause, konnte aber die ganze Necht nicht schlafen. Wenn sie mireinen Brief schriebe und mir mein Betragen vorwürfe, mich verachtete!

Schon in aller Frühe war ich auf und öffnete das Fenster. Der Morgen warköstlich, aber die Läden drüben waren geschlossen. Ich holte meine Geige neinkein Ständchen! rief ich und legte das Instrument wieder fort. Auch möchte sie amEnde denken, ich wollte sie noch obendrein verhöhnen. Seufzend setzte ich mich in meinenSessel an's Fenster und starrte drüben auf die Läden, bereit, sobald sich etwas regenwürde, ins Zimmer zurückzuspringen.

Endlich wurden die Läden drüben aufgestoßen. Ich war so gelähmt vor Schreck,daß ich kein Glied rühren konnte. Nichtig, das liebe Kind war's selber; im schneeigstenMorgenkleidchen stand sie da, vor den Busen hatte sie die schönste rothe Rose aus demStrauße gesteckt. Den Strauß selbst stellte sie in einer niedlichen Base ans Fenster. Alssie mich sah, lächelte sie, erröthete und grüßte. Die Aermste! Sie wußte, sie ahnte gewißnicht, daß ich der Unverschämte war, der sie zu diesem Stelldichein geladen. Wahrschein-lich meinte sie, ein guter alter Freund habe sich den heimlichen Scherz erlaubt. Darumtrug sie gewiß auch die Rose von ihm. Ich grüßte also zurück, aber mit bösem Gewissen.

Wie reizend'sie aussah!

So verging der Vormittag, und der Nachmittag, der schreckliche Nachmittag kam.

Endlich schlug es drei Uhr vom Kirchthurm, und mit dem Glockenschlage sah ichauch meine Nachbarin in dem reizendsten blauen Kleidchen um die Ecke biegen. Es warein Stück lieblicher Himmel, der mir da entgegenwandelte. Aber ich war ganz verblüfftlind sprang um nicht gesehen zu werden, hinter die Litfaßsäule.

Ich glitt immer weiter hinter die Säule, je näher das Mädchen kam. Doch dasGeschick hatte sich gegen mich verschworen. Ich sollte entlarvt werden. Eine Droschkeraste auf mich los, wie ich so auf dem Damm hinter der Säule stand; der Kutscher schrie mich an, und um nicht überfahren zu werden, mußte ich aufs Trottoir springen,gerade in dem Augenblicke als meine Angebetete vor der Säule vorbeitrippelte. Ich wargefangen. Sie sah mich, erröthete, grüßte und blieb stehen. Ich zog den Hut undstammelte verwirrte Worte.

Welch glücklicher Zufall" rief ich und wurde feuerroth über die Lüge.

Zufall?" fragte sie ängstlich, mit einer.Stimme, die süßer war als alle Mozart'-schen Adagios zusammen genommen.Haben Sie denn nicht das reizende Bouquet, diehübschen Verse und die freundliche Einladung auf heute"

O verzeihen sie mir!" rief ich überwältigt und machte Miene ihr zu Füßen zustürzen.Es war eine Unverschämtheit von mir, Ihnen so etwas zuzumuthen. Siesehen mich von Neue zerknirscht!"

Die Blumen sind reizend und die Verse allerliebst. Ich hätte Ihnen das garnicht zugetraut. Aber gehen wir weiter! Wir können doch hier nicht stehen bleiben!"

O diese Berlinerinnen! rief es in mir, o Du kleine Blumenhexe!

Sie nahm meinen Arm und ich schwebte im vierzehnten Himmel. So kamen wiran die Königsbrücke.

Eine Rose, schöner, junger Herr? Kaufen Sie doch eine Rose!" rief ein wohl-bekanntes Stimmchen neben mir. Ich schaute hin, der kleine Kobold saß unter seinenBlumen.

Eine Rose für das schöne junge Fräulein!" kicherte die Kleine.

Den ganzen Korb, Du kleiner Teufel" rief ich.Weiß ich doch nun, wem ich siein den Schooß zu schütten habe!" (Deutsch . Montagsblatt.)

Erdbeben.

Die Theile der Erdoberfläche sind nicht in starrer, unwandelbarer Verbindung miteinander, sondern sie sind in Folge unablässig wirkender Kräfte, fortwährenden Ver-