änderungen unterworfen. So lehren uns geologische Thatsachen auf das bestimmteste,daß Gebiete, welche heute trockenes Land darstellen, in der Vorzeit vom Meere überdecktwaren, ja daß gar weite Strecken nicht nur einmal, sondern in'reichem Wechsel über-fluthet wurden, wodurch wir zu der Annahme gedrängt werden, ein förmliches Schwankender Erdoberflächen, ein wiederholtes Auftauchen aus und wieder Verschwinden unter deinMeere habe stattgefunden. Ueberblicken wir'die Neliefverhältnisse der Erdoberfläche, sofinden wir ungeheure flache Mulden, die Oceanbecken, aus welchen die Continentalmassenmit relativ steil aufsteigenden Wänden emporragen. Auf diesen letzteren wiederholen sichim Kleinen die Reliefformen des Großen und Ganzen. Hochländer und Tieflandsmuldenoder Tieflandssämne finden sich, scharf ausgeprägte Kettengebirge durchziehen, Rinden-faltungen vergleichbar, das über die Mceresbedeckung aufragende Land.
Man hat durch Versuche ähnliche Figurationen auf Kautschukkugeln oder auf ebenenFlächen im Kleinen nachzubilden gesucht, und es ist dies in der That auf das über-raschendste gelungen, indem man die mit Farbschichte oder mit plastischem Tone über-zogenen Flächen nachträglich einer Contraction unterwarf. Dadurch entstanden Ver-tiefungen und Erhöhungen, Runzeln und Falten, Überschiebungen und Brüche in denKautschuktheilen, ganz ähnlich jenen, welche wir am Erdrelief verfolgen können. Dieeinfache Annahme, daß unsere Erde ein schwindender, das heißt sein Volumen vermin-dernder Körper sei, läßt uns einen Weg zur Erklärung aller Erscheinungen finden, welcheuns das Erdrelief in seinen Grund- und Hauptzügen zeigt — das Detailwirken derzerstörenden atmosphärischen Kräfte ist freilich auch ein ganz gewaltiges.
Nehmen wir nun einen derartigen Schrumpfungsvorgang an, und dieser Annahmesteht bei der erhabenen Thatsache, daß das Erdinnere überall wärmer ist, als die Ober-fläche, nicht nur nichts im Wege, sondern sie ist in den physikalischen Gesetzen begründetund unabweisbar. Unablässig geht dieser Proceß vor sich, - unablässig wird daher auchdas Wirken der dadurch geweckten Kräfte sein, welche, wie bei den schwindenden Kaut-schulkugeln, die zu weit werdenden äußeren Rindentheile in Mulden und Süttel, in Run-zeln und Falten zu legen streben.
Die Folge davon wird das Auftreten von Spannungserscheinungen in der „starrenRinde" sein, da diese ja nicht ohncweiters jenen Kräften folgt, sondern ihnen bis zueinem "gewissen Grade Widerstand entgegensetzt, wenn sie schließlich auch bei der Fort-dauer der Einwirkung nachgeben muß, fast ebenso, als wäre sie weiches Wachs. Biegensich doch die so starr erscheinenden Gesteinsbünke unter gewissen Umständen auf das man-njchfaltigste. Daß auf diese Weise auch locale und oft weithin fühlbar werdende Störun-gen des Zusammenhanges eintreten werden, ist wohl selbstverständlich. Bcrstungenund Brüche einzelner Theile, Risse und Sprünge in den Gesteinsschichten werden dieFolgen jener Spannungsvorgänge sein. Daß aber solche Auslösungen nicht ohne fühl-bare Erschütterungen vor sich gehen werden, ist wohl ebenso klar zu ersehen. Eine ganzeReihe von Vorgängen ist auf diesem Wege zu erklären: die säkularen Hingebungen undSenkungen durch ruhigen Vollzug des großen Processes, Erdbeben in Folge von Störun-gen und die Gebirgsbildung als das größte Ergebniß; den Vulkanausbrüchen aber wirddadurch der Weg erschlossen.
Wir hätten auf diese Weise einen Weg gefunden, der uns ohne weitere-Rücksicht-nahme auf den Aggregationszustand des Erdinneren, wodurch wir notgedrungen. nurwieder zur neuen (respektive sehr alten) Hypothese greifen müßten, ohne vorläufige Rück-sichtnahme auf die Einwirkungen der Sonne und des Mondes auf die Erde, das Auf-treten von Erdbeben erklärlich finden läßt.
Vorgänge von der geschilderten Art werden sich vollziehen, ob nun das Erdinnereglatt, flüssig sei oder sich in einem andern, starren, halbstarren oder „bedingt starren"Zustande befinde. Wobei jedoch sofort betont werden soll, daß wir über den Zustanddes Erdinneren nur sehr wenig Sicheres anzugeben vermögen, so daß die Annahme einesgluthflüssigen Erdinnern bis zur Stunde wenigstens durchaus nicht unerlaubt erscheint —