Ausgabe 
(1.12.1880) 44
 
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zur

Äugslmrger Pojheitnug."

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Nr. 441 Mittwoch, 1. Dezember 1880.

Der wahre Muth ist nicht blos ein Lustball der Erhöhung, sondern auch ein Lustschirm desHcrabsinkens. Ludw. Borne.

Die Blume von Gsitait.

Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre kS66 von Stein.

lAachdrnck verboten.)

Lieben und nicht haben, ist härter als Steingraben" so lautete die Ueberschrifteines auf etwas vergilbten Papier geschriebenen Briefes, den eben ein Soldat des 6.bayerischen Jägerbataillons im Bivouak zu Neustadt a. d. S. am Abende vor der Schlachtvon Kissingen in der Hand hielt, nachdem er ihn gerade von der Feldpost erhalten hatte.Man sah es dem wackeren Krieger an, daß ihm das Lesen des Briefes ebenso schwerankam, als vielleicht das Schreiben der Hand, welche diese Zeilen auf's Papier brachte,und wir irren uns nicht, wenn wir, aus dem obigen Motto zu schließen, sogleich aufden Gedanken kommen, daß der Brief aus der Hand eines liebenden Mädchens kam.Wir können unsere Neugierde nicht zurückhalten, und sehen heimlich über die Schulterunseres Kriegers, und machen uns eine leicht verzeihliche Verletzung des Briefgeheim-nisses schuldig, wenn wir folgendes aus dein Briefe mittheilen:

Lieber Franz!!

Heißgeliebter meines Herzens!

Mit Freuden ergreif ich die Feder, Dir zu schreiben, daß ich gottlob gesund bin,und mir die Zeit recht lang wird, seitdem ich Dich nicht mehr sehen kann, und schiermöcht niir das Herz verspringen, wenn ich so denk, daß Du jetzt im Krieg bist, und Dichvielleicht schon eine Kanonenkugel getroffen hat. Aber die Preußen schießen nicht soschnell, und alle Kugeln treffen nicht, hast Du beim Abschied gesagt, und daß ist meineinziger Trost den ich hab'. Ich bete jetzt auch recht oft zu der hl. Muttergottes vonBirkenstein, daß sie Dich in Schutz nehmen sollt, und ich hab ihr auch eine geweihteKerzen versprochen, und eine Votivtafel, wo Du in Deiner feinen Montur drauf ange-malen bist, damit Du recht brav bleibst, und Tag und Nacht an mich denkst. Sei auchnicht gar zu verwegen du wilder Bua, und schieß nit alle Feind auf einmal tod, dennes sind auch Menschen wie mir und hat vielleicht auch Einer was Liebs z'Haus. Dasdenke Dir und hab Gott vor Augen, Herzlieber Franzl.

Nix Neues kann ich Dir nicht schreiben, als daß die Karer Urschl die gschupft endliden Veitlbauer gheurath hat, und ich Kranzljungfer auf der Hochzeit war. Aber es hatmir nix mehr recht gfreut, weil Du nit dabei warst, und tanzen hab ich schon gar nichtviel mögen, auch hat sich unser weißgscheketi Kalbe auf der Alm am Gamsbühl hintenderfallen. Bhiit di Gott tausendmal herzlichster Schatz, und ich verbleibe bis in den Tod

Deine

Lein."