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Julius Schmidt in Athen hat außerdem berechnet, daß die Erdbeben in der Erd-nähe des Mondes häufiger seien, als in der Erdferne; er fand aber auch, daß die Häu-figkeit der Erdbeben zur Zeit des Neumondes das eine und zwei Tage nach dem erstenViertel das zweite Maximum zeigen. Aus diesen Darlegungen ergibt fich mit vollerSicherheit, daß ein Zusammenhang Zwischen den Erderschütterungen und den Constella-tioncn des Mondes bestehen muß. Die Art und Weise jedoch, wie dieser offenbare Zu-sammenhang zur Aufstellung von Erdbeben-Hypothesen benutzt wurde, kann durchausnicht befriedigen.
Schon Perrey hat — ohne damit der Erste gewesen zu sein, der daran dachte —die Meinung von einer Ebbe und Fluth der flüssigen Jnnenmaffen der Erde ausgesprochen;er dachte sich geradezu, die Fluthwelle des Inneren stoße an die starre Kruste undbedinge so die Erschüttterungen. Wäre auch das Innere in der That flüssig, auf dieseWeise kann der Fluthvorgang nicht gedacht werden, denn erstens ist in jenem Falle derUebergang aus dem festen zum gluthflüssigen gewiß kein unmittelbarer, sondern ein sehrwohl und allmählig vermittelter, zweitens aber wird dann auch die verhältnißmäßig wenigmächtig gedachte Kruste der Mondanziehung sicherlich gleichfalls Folge leisten müssen undeinem Heben und Senken ausgesetzt werden oder „wandernde Wellen werfen" (Reyer),ja diese letztere Annahme wird auf alle Fälle mit zu Recht bestehen und gerade die Er-klärung liefern, warum und wieso die Mondeinwirkung in der Häufigkeit der Erdbebensich ausdrückt.
Die Schwäche der Pcrrey'schen Anschauungen fühlte nun auch R. Falb und bildetesich seine eigene neue Ansicht, die unter den Laien der Anhänger nur zu viele gefundenhat, was bei dem Feuer und der Beredtsamkeit des Verkünders der neuen Erdbeben-lehre nicht Wunder nehmen kann. Falb stellt sich, um in Kürze seinen Gedankengang(„Gedanken und Studien über den Vulkanismus", 1875) zu skizziren, vor, daß manalle Erdbeben durch eine Ursache erklären könne. Die flüssige Jnnenmaffe der Erdedringe durch schon vorhandene Spalten und Canäke zunächst in unterirdische Reservoirsein, gelange aus diesen wieder durch Eanäle mehr oder minder nahe an die Oberfläche,wobei sie durch die Mond- und Sonnenanziehung besonders zur Zeit der Hochfluth, unter-stützt werde. In den Spalten beginne die eindringende Blasse zu erstarren und erzeugein Folge dessen Gas-Erplosi.onen oder unterirdische Vulcanausbrüche, welche nun die Er-schütterung bedingen sollen. Nach dieser. Anschauung werden die Spalten als schonvorhanden vorausgesetzt. Daß dadurch die Frage nicht vereinfacht wird, ist klar. DieBildung der Spalten ist gewiß nicht so ohne alle Erschütterung zu erklären; wir ersehenalso schon daraus, daß Falb's Versuch, alle Erdbeben auf seine hypothetischen unterirdi-scher! Explosionen zurückzuführen, die ein hypothetisches flüssiges Erdinneres voraussetzen,so daß Hypothese auf Hypothese gebaut werden muß — daß dieser Versuch, sage ich,nicht erfolgreich durchzuführen ist. Man kann auf einfachere Weise zum Ziele kommen,wie aus dem Vorhergehenden wohl unmittelbar hervorgeht. Auszuführen, wie vieleandere Versuche zur Lösung der Erdbebenfrage angestellt wurden, würde hier zu weitführen. Die Beobachtung, daß in allen unsern Journalen immer nur die Falb 'sche Hypo-these hervorgehoben wird, als sei sie in der That als zu Recht bestehend erkannt; dieWahrnehmung, daß Falb selbst betont, daß die Erscheinungen, wie sie in Agram hervor-treten, genau mit seiner „Erdbeben-Theorie" stimmen, als wenn sie im Widersprüchemit den andern aufgellten stehen würden, hat mir die Aufforderung, über Erdbeben einenAufsatz für die „Neue Freie Presse" zu verfassen, zu einer mich ganz erfreuenden gemacht,da es mir nicht unwichtig schien, dein weiten Leserkreise die große, die AufmerksamkeitAller in Anspruch nehmende Frage in einer etwas andern Beleuchtung zu zeigen.
Ich wollte damit den Weg zeigen, welcher im Großen und Ganzen derjenige ist,der am leichtesten und schnellsten zum Ziele führen dürfte. Falb's Hypothese ist interes-sant, das ist nicht zu leugnen; bis nun hat sie jedoch nur bei den Laien Anerkennungvon Seite der berufensten Fachmänner jedoch wurde sie abgelehnt, und ich bedaure, daß