Ausgabe 
(1.12.1880) 44
 
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die Medizin oder die Jurisprudenz zu studiren. Im Jahre 1800 starb der Vater. Vondem Vormunde wußte es Kreutzer, den nunmehr keine Pietätsrücksicht mehr band,hsrauszuschlagen, das; er sich ganz der Musik widmen durfte. Die nächsten drei Jahre18011803 brachte er, lediglich seiner Ausbildung obliegend, in verschiedener; Städter;der Schweiz zu. Erst nachdem er glauben durste, gehörig vorbereitet und geschult, auchim Dirigiren ri. A. nicht mehr ungeübt zu sein, erfüllte sich irn Jahre 1804 sein Lieblings-wunsch, Wien , die hohe Schule der Musik in jenen Tagen, zu besuchen. Mit 90 Guldenin der Tasche machte er sich auf den Weg. Als er vor den Thoren der fröhlichenKaiserstadt stand, hatte er nur noch wenige Gulden übrig. Den Vetter, aufdessen verwandtschaftliche Gefühle er alle seine Hoffnung gesetzt hatte, konnte er nichtauffinden, denn derselbe war umgezogen. Völlig verlassen fund sich der junge Meisterim Gewühle der Großstadt. Gleichwohl setzte er einen von seinen letzten Gulden daran,denAxur" von Salieri zu sehen, der am Abend im Hoftheater gegcgen wurde, undsiehe da, beim Ausgang aus den; Theater erwischte er den biederen Vetter und war soder nächsten Sorge um Unterkunft und tägliches Brod enthoben. An der Spitze derKünstlerschaft stand damals der ehrwürdige Erzvater der Wiener Musik Joseph Haydn .Um ihn gruppirte sich ein Kreis kleinerer, aber dennoch sehr tüchtiger Meister, welche inHaydn'S Stil komponirten, wie Gyrowetz, Wranitzky, Jgnaz Pleyel. Auf dem Gebieteder Oper waren diesem Kreise am nächsten verwandt Dittersdorf (Doktor und Apo-theker") und Schenk (Dorfbarbier"). Mit diesen Meistern dürfte sich Kreutzers damaligeRichtung und Begabung am meisten berührt haben. Allein auf dem Gebiete der Operhatte Gluck ein neues Ideal aufgestellt, und die von ihm eingeschlagene Richtung vertratsein Schüler Salieri mit unbestrittener Meisterschaft. Außerdem hatte der unvergeßlicheMozart Meisterwerke geschaffen, die alles Bisherige weit unter sich ließen, sowohl wasZauber der Schönheit, als was Tiefe und Kraft der Empfindung, Gewalt der drama-tischen Charakteristik und Frische wie Lebhaftigkeit des Kolorits betrifft. Die Kenner-kreise endlich sammelten sich um den gewaltigen Beethoven, der die Musik eine völligneue Sprache zu reden zwang, und der gerade damals in der Blüthe des Schaffensstand; es waren ja die Jahre, da dieEroica" entstand, und da er denFidelio " schuf,da überhaupt ein Riesenwerk dem andern folgte. Da war es für Kreutzer nicht leicht,den seiner Begabung entsprechenden Raum zu gewinnen; zunächst gab es noch viel fürihn zu lernen. Er konnte leinen besseren Mentor gewinnen, als dei; trefflichen JohannGeorg Albrechtsberger , welcher damals Kapellmeister an S. Stephan war. Mit vollerMeisterschaft verband dieser Mann ein seltenes pädagogisches Geschick, das der Eigen-thümlichkeit des einzelnen Schülers gerecht wurde. Durch Albrechtsberger wurde Kreutzermit den Koryphäen der musikalischen Welt bekannt. Alle gewannen den bescheidenenund treuherzigen jungen Mann lieb. In Wien komponirte Kreutzer neben kleinerenKirchcnstücken ein OratoriumMosiS Sendung", sowie mehrere OpernJerry undVüthcly" (von Goethe),Konradin von Schwaben",Der Taucher"; auch der Entwurfzu der OperAesop in Phrygien " soll aus dieser Zeit stammen. Uebrigens hatte erauch nicht viel Glück mit diesen Werke;;. Die OperJerry und Bäthcly", welche am19. Juni 1810 auf dem Theater am Kärnthncrthor aufgeführt wurde, gefiel nicht be-sonders; derKonradin" bestand die Zensur nicht: derTaucher" war zwar zur Auf-führung vom Theater an der Wien angenommen worden, aber es kam nicht dazu. Kreutzerscheint das Gefühl gehabt zu haben, das; er in Wien vorerst nicht recht ankommen könne.Er verband sich daher mit dem Erfinder des sogenannten Pan-Melodikons, einer ArtHarmonium, zu cinxr Konzertreise, welche durch Deutschland, die Schweiz und Frankreich gehen, dem Künstler aber Gelegenheit geben sollte, sich beim musikalischen Publikum ein-zuführen. Die Reise aus welcher sich Kreutzer als Klavierspieler und Sänger reichenBeifall errang, brach in Stuttgart ab. König Friedrich von Würtemberg fand an demKünstler großes Gefallen, ließ dessen OperFeodore" zur Ausführung bringen und er-nannte ihn darauf zu»; Hofkapellmeister (1812). Nun begründete unser Meister einen