zur
„Ailgsburger Po Leitung."
Nr. 45. Samstag, 4. Dezember 1880.
Nicht an die Güter hänge dein Herz,
Die das Leben vergänglich zieren;
Wer da hat, der lerne verlieren.
Wer im Glück ist, lerne den L>chmerz. Schiller.
Die Blume von Geitau.
Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein.
(Fortsetzung.)
In einem dieser Lagerstätten finden wir unsern Franzl wieder blaß und ermattetdaliegen. Kaum hätte man diesen frischen, lebensfrohen Burschen wohl wieder erkannt,denn gar traurig schaute er vor sich hin, und wir kennen es in seinen Blicken an, daßnicht der Schmerz seiner Wunde allein es ist, der ihn drückt, ein anderer Schmerz, dieSehnsucht nach seiner Heimath und nach seinem geliebten Mädchen ist es, die ihn heftiggepackt hält. Wohl sind hier auch liebreiche Hände um ihn beschäftigt, und mitleidigblickte die sorgsame Pflegerin den schönen blaßen Jüngling an und reicht ihm tröstendden labenden Trank, und ein treuherziges „Vergelt's Gott" lohnte stets die aufopferndePflege.
Eines Tages wurde ein Schwerverwundeter in die Nachbarsstätte Franzl's, welchebisher leer war, gebracht, und stöhnend und seufzend starrte er vor sich hin; er magwohl auch wie so mancher seiner Leidensgefährten eine schwere Wunde erhalten haben,denn heftiges Fieber durchschäucrte seinen Körper. Schwarze Haare und Vollbart ließendie Blässe seines schönen nchnnlichen Gesichtes noch mehr hervortreten, und wenn ihnFranzl manchmal in seinem stummen Schmerze still beobachtete, sah er oft eine Thräneseinen Augen entrollen. Ein bayerischer Kamerad war dieser Nachbar nicht, das sahFranzl gleich im ersten Augenblicke, es mußte also wohl ein Preuße sein, da wederOesterreichs! noch andere Soldaten aus deutschen Ländern als diese, und Bayern in denKämpfen der letzten acht Tage betheiligt waren. Franzl machte sich nun bei Betracht-ung seines Nachbars allerlei Gedanken und obwohl ein guter Bayer, so durch und durchweißblau, konnte er sich doch nicht eines schmerzlichen Gedankens einschlagen, und beiseiner ehrlichen altbayerischen Diplomatie widerstrebte es ihm, wenn er so auf seinemLager ruhig nachdachte, und ein wenig sich auch in Politik vertiefte seinem natürlichenGefühl, daß in dieseni' Kriege gerade Deutsche gegen Deutsche kämpften, warum dennnicht Deutsche gegen Franzosen oder andere fremde Völker. Wenn ihm auch, so sinnirteer weiter, die Pflicht gebot, als Soldat auf Befehl die Preußen todt zu schießen, sokonnte er sie im Grunde doch nicht als Feinde betrachten, zumal den armen Verwundeten,er war ja auch ein braver Soldat der seinen Pflichten nachkam, also Kamerad und Ka-merad bleibt der Soldat ob im Felde oder in der Garnison ; und erst im Lazareth woFreund und Feind friedlich nebeneinander gebettet sich treuherzig die Hand reichen, undFrieden schließen, der länger dauert, als der ewige Friede den die Herren Diplomatenin ihren Friedensverträgen stets als ersten Artikel obenanstellen.