Ausgabe 
(4.12.1880) 45
 
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Mitleidig und theilnehmenb begegneten sich oft die Augen der beiden Nachbarn,und man sah es ihnen an, wie gerne ein jeder von ihnen den Anfang zu einer Frie-densstipulation gemacht hätte. Noch kam aber kein Wort über die Lippen des verwun-deten Preußen, und auch wenn die Aerzte seinen rechten Fuß, der nur mehr ein Stum-mel war, verbanden, waren es nur unverständliche Laute, die Franz! vernahm, ob esSchinerz, oder der Ausdruck eines andern Gefühls war, konnte er nicht unterscheiden;doch glaubte er, daß es weniger Schmerzenslaute waren, da der Zustand des Preußensich allmählig besserte, und er ihn oft freundlich lächeln sah, wenn ihm von liebreicherHand Erfrischungen oder gar eine Cigarre gereicht wurde, denn leidenschaftlich gernerauchte unser Nachbar. Dieß gab nun, da Franzl auch schon hie und da rauchen durfte,Veranlassung zu einer längst gewünschten Annäherung. Lächelnd sahen sie sich nun ein-mal eines Morgens an, und Franzl begann die Unterhaltung:Schmeckt s'Cigarl Ka-merad? gel wennst nit raucha kunnst, da wars bald vorbei" ein lächelndes Kopf-schütteln war die stumme Antwort des Kameradenna moant er, und schüttltgar mit'n Kopf, und da rächt er den ganzen Tag wie a Kohlhaufa" sagte Franzlverwundert für sich, und die Unterhaltung war für diesen Tag wieder geschlossen. Desandern Morgens machte Franzl abermals einen Versuch zu einer Conversation, und be-gann mit einem freundlichenGuat'n Morgen Kamerad, hast heut Nacht sakrisch guatg'schlaf'n, dös gfreut mi, daß Dir besser geht."Nix Deutsch , war die Antwort desVerwundeten, Polnisch-Kron (Coronow Provinz Bromberg an der Brahe) KameradBayer Kissing" hier machte er die Bewegung eines Bajonnetstiches und zeigteauf seinen Fuß. Jetzt ging unserm Franzl plötzlich ein Licht auf, die Physiognomie desVerwundeten, der schwarze Vollbart, dasG'schaug" und der Fuß alles stimmte zu-sammen, unser Nachbar war kein anderer, als der Soldat, der auf dem Kirchhofe inKissingen im Handgemenge den mörderischen Schlag gegen den Offizier führte, und demFranzl gerade noch zur rechten Zeit, als Lebensretter des Offiziers mit seine»: Bajonnetdie Verwundung beibrachte, die dem einen Preußen das Bein kostete.Armer Potlak"sagte Franzl, und reichte dem Verwundeten die Handwenn Du gewiß der g'wes'nbist, der mein Herrn Lieutenant hat umbringn woll'n. so verzei mir's, denn nacha bin ider boarisch Soldat g'wes'n der Dir den sakrischen Banganetstich geb'n hat, g'seg'n habi's in der Wuath nit, wo i hintroffa hab, und jetzt bin i schuld, daß Du auf a so aelendi Weis um Dein Fuaß komma bist." Unser Pole verstand natürlich von all demkein Wort, nur ein schmerzliches Lächeln verzog sein bleiches Gesicht, doch als Franzl sichbemühte, durch Geberden ihm verstehen zu geben, daß er derjenige sei, der ihn verwundete,um seinen, Offizier das Leben zu retten, und als endlich sein Nachbar durch die ver-schiedenen Gestikulationen die Franzl machte, und die mitunter' recht Komisch waren, zubegreifen anfing, daß er auch seinen Feind vom Kirchhof in Kissingen als Nachbar habe,reichte er ihm von seinem Bette aus die Hand hin, und aus den Worten die er anFranzl richtete, konnte derselbe nichts verstehen, als hie und da den Ausruf des Ver-wundetenbrav Soldat, gut Kamerad!"

Eine solche Annäherung seines noch vor wenigen Tagen so erbitterten Feindeshatte Franzl nicht erwartet, und gerührt rief er auS:O wie reut mi dös, daß i den

armen Kerl so zuagricht hab, a oanziga Stroach mit meiner Faust hätt a scho glänzt,

den niederz'schlag'n, und dös hätt' am grad nit so viel thoa, aber sei' Füaßl, sei' Füaßlhat er durch mi einbüßt, und dös reut mi so lang i leb. Schau ^chau, hat's d' Lenioft g'sagt, wie i fort ganga bin, Franzl Franzl", hats g'sagt,sei koa so wilder Bua,

und bring nit alle Preuß'n auf oamal um, hat a vielleicht oana was Liebs z'Haus",

und do hab i mi nicht holt'n könna, aber i hab halt mei Pflicht und SchuldigkeitIho müaß'n als a braver Soldat, und davokomma werd er do und nache will i's amrvieda guat mach«. So hielt Franzl sein Sermon ganz laut vor sich hin, und seinNachbar hörte ihm aufmerksam zu, und wenn er auch kein Wort der ganzen Rede ver-stand, so nickte er doch öfters voll Rührung dem so jammerden Kameraden zu, als ob