Ausgabe 
(4.12.1880) 45
 
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er den Sinn seiner Rede verstanden habe, und unterbrach ihn nur manchmal mit deinAusrufe:braver Bayer!" Ungeachtet keiner von beiden des andern Muttersprache ver-stand, der Freundschastsbund war doch geschlossen, Friede auf einige Zeiten!

Mächtig wirkte dieser Umstand auf unsere beiden armen Verwundeten, denn raschschritt die Genesung bei den noch in ihrer Jugcndbluthe stehenden Soldaten vor, wozuihre jetzt erleichterte Gemüthsstimmung, und der heitere Sinn unseres Landsmanncs ausden bayerischen Bergen, der sich allmählich wieder einstellte, nicht wenig beitrug. Erdachte hin lind her, wie er denn den ganzen Vorfall seiner Leni mittheilen könnte, daer noch immer im Bette liegen mußte, und nicht im Stande war, selbst zu schreiben.

Unter den vielen Lhcilnchmendcn und aufopfernden Pflegerinnen Würzburgs , dietäglich das Lazareth im Bahnhof besuchten, war auch eine junge Dame, aus einer derersten Familien der Stadt, die ein besonderes Wohlgefallen an der Treuherzigkeit undDankbarkeit unseres LandSmanues, mit der er jede milde Gabe aus ihren Händenempfing, hatte, und insbesondere Freude und Interesse zeigte, wenn Franzl ihr von sei-nen schönen Bergen erzählte. Auch das Geheimniß seines Herzens vertraute er seinertheilnehmenden Pflegerin an, und nun war das Interesse der jugendlichen Dame nochein viel größeres. Hatte sie ja doch schon Vieles gehört und gelesen von der Poesiedes GcbirgslcbcnS, und von manch romantischer Liebe dieses Bergvölkleins.

War's Wunder, daß sie um so mehr an dem blonden Sohn der Berge Interessegewann, und gerne und willig war sie bereit, auf seine Bitte, sie möge in seinem. Namenan seine Leni ein Vrieflein schicken, einzugehen. Mit einigen Worten schilderte sie nunden ganzen Verlauf der Geschichte vom Gefechte in Kissingen , von der Tapferkeit Franzls,dessen Verwundung, Bekanntschaft und Freundschaft mit den preußischem Soldaten, undals sie den Brief vollendet hatte, und denselben Franz! vorlas, brach er in Thränender Rührung aus, und dankbar ihre feine Hand drückend, meinte er:so schon wennhalt meine Leni schreiben könnt', grad als wie druckt! ja wenn nur der Preuß denBrief a les'n konnt', aber der arm' Kerl versteht ja nix deutsch ." Doch er merktewohl auf, als das Fräulein den Brief Franzl vorlas, und als ob er's verstände, nickteer oftmals mit dem Kopse, und rührend war es, als auch er seinen Dank ausdrückend,dem Fräulein die Hand drückte.

Lange dauerte es bis Leui's Antwort auf diesen Brief eintraf, waren ja damalsdie Postverbindungen, da die Kämpfe am Main noch immer fortdauerten oftmals unter-brochen und gestört. Während dieser Zeit aber schloß sich das Freundschaftsbündnißunserer zwei Verwundeten im Lazareth in Würzburg immer fester, und komisch war es,wie Franzl seinem Kameraden nach und nach die deutsche Sprache, natürlich in seineraltbaycrischen Manier beibrachte, und schon wurde ihre Unterhaltung täglich eine leb-haftere, und allmählig entnahm Franzl, daß der Preuße, welcher Nikolaus Jaroezynhieß, und aus Polnisch-Kron, einem Städtchen der preußischen Provinz Bromberg, inPosen zu Hause war, armer schon längst verstorbener Eltern einziger Sohn sei.

Während nun Franzl seinen Kameraden in der deutschen Sprache fortwährendunterrichtete, und der Brief seinen Laus auf der Post machte, wollen wir einen kleinenAbstecher in das stille Aurachthal nach Geitau machen, und besuchen an einem schönenAugustmorgen die Alm, wo Leni in der Einsamkeit unter ihren stummen Pslegbefohlenenals brave und fleißige Sennerin hauste.

Seit dein traurigen Abschied von ihrem Franzl schien auch sie alle Heiterkeit ver-loren zu haben, und nur die Arbeit deren auch sie sich, wie Franzl seiner Pflicht hingab,war ihr wohlthuende Zerstreuung und Trost in ihrem einsamen Almenleben, und sie warmit ihrer Einsamkeit um so mehr zufrieden, als dieselbe in jenem Sommer leine Besuchestädtischer Gebirgsbumler störten, da wegen des Krieges die Sommerfrischler im Gebirge sichwenig zeigten. So schaffte denn die Blume von Geitau unter ihren Schwestern, denAlpenröslein, fleißig von früh bis Abends, wo sie dann zuweilen mit einigen Kamrädinender nächsten Almen in traulichem Gespräche heimgartete. Natürlich drehte sich die Unter-