Ausgabe 
(4.12.1880) 45
 
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wollten unsere Stellung am Kirchhofe um keinen Preis aufgeben. Mitten im stärkstenGefechte sah ich, wie ein Preuße gerade mit seinem Gewehrkolben auf einen von unsernOffizieren einen mörderischen Schlag führte; gottlob war ich zur rechten Zeit da, undmit einem heftigen Vajonnetstich streckte ich den Preußen nieder, und mein junger HerrLieutenant war gerettet. Aber in demselben Moment spürte ich auch einen heftigen Schlag,und bewußtlos sank ich um. Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Feldspitale zu Nüd-lingen, mit einer Schußwunde in der Seite, doch sagte mir der Arzt, daß sie nicht ge-fährlich sei, und ich mit dem Leben davonkomme. Da das Spital aber bald zu vollvon Verwundeten wurde, brachte man mich hieher nach Würzburg in das neu hergerichteteLazareth im alten Bahnhof, wo ich wie im Himmel zu sein glaube. Du brauchst also,herzliche Leni, gar keine Sorgen um mich haben, und bald hoffe ich nach Hause zukommen. Eigenhändig kann ich Dir nicht schreiben, und ich habe demnach ein Fräulein,die mich mit andern wie eine barmherzige Schwester pflegt, gebeten, dieses an Dich zuschreiben, was sie, indem ich ihr den Brief angab, mit Freuden gethan hat. Noch muß ich Dirmittheilen, daß der nemliche Preuße, der auf dem Kirchhofe in Kissingen dem bayerischenOffizier den tödtlichen Stich geben wollte, und den ich dann mit meinem Bajonnet nie-derstieß, jetzt mein Nachbar im Lazareth ist; ich habe ihn in den rechten Oberschenkelgetroffen, dem armen Menschen mußte aber der Fuß abgenommen werden. Er ist ausPolnisch-Preußen und heißt Nikolaus Jaroczyn; wir sind die besten Freunde geworden,und obwohl er kein Wort Deutsch versteht, verstehen wir uns doch ganz gut. Er ist einreckt guter Mensch, und hat Niemand mehr auf der Welt, der sich seiner annimmt, wenner in seine Heimath nach Polnisch-Kron zurückkehren muß.

Jetzt herzliebes Lenerl habe ich Dir vorläufig Alles erzählt, wie es mir gegangenhat. Habe nur keine Sorgen, und denke immer in Treu und Lieb' an

Deinen

Würzburg , den 3. August 1866.

(Fortsetzung folgt.)

dichliebendenFranz Bachhuber.

Konradin Krerrtzer.

(Schluß.)

Das Jahr 1817 brachte dem Meister wieder eine feste Anstellung. Fürst Kar^Egon von Fürstenberg ernannte ihn zu seinem Hofkapellmeister. Dieser Fürst, ein geist-reicher, lebhafter und edelgesinnter Mann, verstand es, in'seiner kleinen Residenz, demStädtchen Donaueschingen, im badischen Schwarzwald , ein frisches Geistesleben zu ent-falten. Krentzer, der vielgewnndte Komponist, Dirigent und Organisator, sollte ins-besondere die Musik auf die Höhe bringen. Von Amtswegen hatte er die Kirchenmusik,das fürstliche Orchester und die Aufführung von Operetten und Singspielen zu leiten.In Wirklichkeit aber hatte es Kreutzer sehr wesentlich mit Dilettanten zu thun, die ersich für den einzelnen Fall erst tüchtig Herschulen mußte. Es war dies einerseits einehöchst dankbare Aufgabe; Kreutzer verstand es, Feuer und Zug in die Sache zubringen,er besaß die nöthige Ausdauer und Geduld, war eine den Bedürfnissen des gebildetenDilettantismus freundlich entgegenkommende, liebenswürdige, behagliche Persönlichkeit;kein Wunder, daß er in den Gesellschaftskreisen der kleinen Residenz den Mittelpunktbildete und, als der Unentbehrliche, tüchtig verhätschelt wurde. Andererseits aber fühlte sichKreutzer doch allzusehr abgeschnitten von der Berührung mit dem musikalischen Lebenseiner Zeit. Einmal achtete er sich selbst nicht für reif und fertig genug, um der An-regung, Auffrischung und Bereicherung von außen entrathen zu können, sodann sagteihm ein richtiger Instinkt, daß er in der That, nach der ganzen Art seiner Anlage, einergewissen Anlehnung an Andere bedürfe. Er erbat sich 1821 längeren Urlaub, 1822 dieEntlassung und erhielt in Wenzel Kalliwoda einen Nachfolger. In Donaueschingen hat