Ausgabe 
(8.12.1880) 46
 
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Nr. 46.

1880.

zur

Ängslmrger Po Leitung."

Mittwoch, 8. Dezember

»-

Wachse grade für dein Theil,

Oder werde krumm gezogen;

Grade dienest du zum Pfeil,

Krumm vielleicht zum Bogen. Friedrich Rückert .

Die Blume von Geitau.

Eine Episode aus dem Kriege vom Jahre 1866 von Stein.

(Fortsetzung.)

Mit Thränen in den Augen vor Freude und doch wieder vor Sorge über ihrenLiebsten blickte Leni auf diese einfachen Zeilen, die eine liebevolle Hand für ihren Franz!geschrieben hatte, als Nest, die noch den Brief in der Hand hielt auf einmal rief,holtLeni, auf der entern Seit'n steht a no was" und weiter zu lesen begann.

Meine liebe Leni!

Sei unbesorgt um Deinen Franz, er ist in bester Pflege, und bald wirst Du ihnsehen. Ich nehme herzinnigen Antheil an Eurem Geschick und hoffe Dich in Deinenschönen Bergen auch einmal besuchen zu können. Du hast an Franz ein treues Herzgefunden, und der Himmel segne eure Liebe. Ich grüße Dich herzlich

Helene Freun von N."

Ja wie is mir denn!" rief Leni bei diesen Zeilen, die Rest mit gerührter Stimmelasja wie is mir denn, a so a nobligs Fräula im Spital als Barmherzige, undLeni hoaßts a, als wie i, aber Helene! Dös muaß ja mein Franz! freu'n, daß ihna a Leni so guat pflegt, und brav muaß er do sei und an mi denka, wie's Fräulaschreibt; no dös woas i, da hats koa G'fahr, da hab i als z'viel Vertrau'n auf denBua'm."Versteht st sagt s'Resei aber jetzt Leni guat Nacht, es is scho völli dunkl,und i muß hoam in mei Hütt'n. Vergiß nit morg'n in aller Früh, dem Fischerlenzl denBrief mitz'geb'n, daß er bei Dir dahoam und z'Fischbachau an Franz! seine Leut a dieguati Botschaft bringn kann, denn die werd'n a woltern a Freud hab'n wenn's dös allesles'n; guat Nacht!" und während Leni in ihrer Kammer vor ihrem Hausaltärchennoch das innigste Dankgebet zum Himmel schickte, hörte sie noch den hellen Jauchzer ihrerFreundin, der weit in die Berge und in's Thal schallte. Bald schlössen sich zwei Augenzum sanften Schlummer, und liebliche Träume von Freude und Wiedersehen verriethendie Thränen, die wie Thautropfen an der lieblichen Blume von Geitau hingen.

Während dem nun in' der Heimnth unseres Bachhuber Franz! und im ganzenAurachthale schnell die Kunde von seinem heldenmüthigcn Verhalten in der Schlacht vonKissingen , und von seiner Verwundung, Freude und Theilnahme allenthalben hervorrief,und seine alten Eltern von allen Nachbarn die herzlichsten Glückwünsche erhielten, machtedessen Genesung bei der sorgsamen Pflege im Lazareth zu Würzburg die erfreulichstenFortschritte, und auch sein treuer Kamerad Jaroczyn erholte sich zusehends, da bestenkräftige Körpersconstitution auf die rasche Heilung seiner schweren Verwundung vomgünstigsten Einflüsse war.