Ausgabe 
(8.12.1880) 46
 
Einzelbild herunterladen

362

Inzwischen wurden, nachdem Waffenstillstand geschlossen war, die Friedensprälimi-narien zwischen den kriegführenden Mächten eingeleitet, und da in Folge dessen der Ver-kehr auf den bayerischen Eisenbahnen wieder hergestellt war, so überkam unsere Leniauf der Alm eine nicht mehr zu überwältigende Sehnsucht, ihren Franzl sobald als mög-lich zu sehen. Tag und Nacht sinnirte sie über einen Reiseplan nach Würzburg unds'Resei ihre Almennachbarin und der alte Fischerlenzl ihr Vertrauter wurden mit in ihrVorhaben eingeweiht, namentlich sollte dem Letzteren, welcher wöchentlich ein paarmalmit seiner Butterkraxe auf die Alm kam, die Aufgabe zufallen, die Eltern zu Hause vonder Idee Leni's in Kenntniß zu setzen. Während diesen diplomatischen Unterhandlungenunterließ es aber Leni nicht, auch in Würzburg Fräulein Helene ins Geheimniß zu ziehenund es wurde nun mit Hülfe der theilnchmenden Nest in einem wohlstudirten Briefeder Plan dem Fräulein mitgetheilt, und diesem Schreiben natürlich auch ein sehr zärt-liches Liebesbrieflein an Franzl beigelegt, dem aber von dem Vorhaben vorläufig nichtsverrathen werden durfte. Wie zu erwarten, führte der alte Fischerlenzl seine diploma-tische Mission bei den Eltern des liebenden Paares zur vollkommensten Zufriedenheitaus, und eines Abends kam er mit lachendem Gesichte zu den beiden Älmerincn die ge-wöhnlich nach ihrer Arbeit vor der Sennerhütte saßen, mit der Botschaft:Hain manscho' rumbracht an Vota, und er is glei dabeig'wes'n nach Würzburg z'roas'n." Freu-dig sprangen die Mädchen auf und eS erscholl nun ein Juchzen von vielfältigem Echoerwiedert wie man schon lange keine mehr von der Alm hörte, und die Sennerincn derumliegenden Almen konnten sich nicht denken, was ihrer Nachbarin dem bisher alleweilso stillen Lencrl plötzlich angekommen sein mußte, daß sie seit langer Zeit wieder einmalihnen zujodelte, und -lustig antworteten sie, und gaben ein Zeichen, daß auch sie wohlverstanden, was dieser Juchzer bedeute, sie wußten ja alle recht gut, warum ihre Freun-din trauerte, und nicht mehr ihre fröhlichen Lieder zu ihnen hinubersingen wollte. SchonFrüh des andern Tages als Leni eben in voller Arbeit war, kam der alte Ekardbauervon Geitau auf die Alm und mit einem nicht zu verkennenden Stolze betrachtete er diekräftige Gestalt des schönen Mädchens, dessen Wangen, wie vom frischen Morgenrothangehaucht waren, und mit vor innerlicher Freude glänzenden Angcn bot sie dem Alteneinen herzlichen guten Morgen.Bist ja scho zeiti bei Deiner Arbeit, und siehst ja heutso lusti her, als wannst nett am Sunta auf'n Kirta geh'n mächst" redete sie der Vateran,laß aber jetzt All's steh'n, und zieh Dein bessers G'wand an, mir genga gleimitananda hoam, und heut müaß ma no außi roas'n nach Würzburg . Unser Dirn wirdglei nachkomma, die bleibt daweil auf der Alm, und dahoam kanns bis mir wieda kommad'Muatta scho alloan damacha." Daß auf diese Anrede die fleißige Leni die Milch-kübel, die sie eben blank scheiern wollte, schnell liegen und stehen ließ, kann uns nichtwundern, und nicht lange dauerte es, kam sie schon in ihrem einfachen Sonntagsgewand,das sie auf der Alm hatte, aus der Hütte, während der Eckardbauer eben der Dirnedie Herrschaft über die Alm übergab. Leni empfahl derselben die treuen Unterthanenihrer Obhut, und sie konnte nicht umhin von jedem ihrer Lieblinge Abschied zu mhmen,welche ihr, als sie mit ihrem Vater den grasigen Hang hinabging, verwundert nach-schauten, da es ihnen auch sonderbar vorkam, ihre Herrin zu einer so ungewöhnlichenZeit fortgehen zu sehen. Ein lustiger Juchzer hallte noch hinüber zur Sennerhütteihrer Freundin Resi, der ebenso lustig wieder erwiedert wurde, das; es weithin iu dieBerge nachklang. In Geitau wurden unsere Reisenden bereits von der Mutter erwartet,und auch der alte Bachhuber war da, um an seinen Sohn Geld und Wäsche mitzugeben,und die fromme Mutter legte noch besonders eine kleine silberne Medaille mit dem Ge-präge der Muttergottes von Birkenstein bei. Schnell wurde das Nöthigste zur Reisezusammengepackt, und im besten Festgewande mit dem grünen Hütchen und goldenerSchnur, dem schönsten Mieder, verschnürt mit der silbernen Kette an der die alten Schatz-thaler hingen, stand Leni mit freudestrahlenden Augen da, um den aus Bayrischzell zu-rückkehrenden Postomnibus zu erwarten.