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Der alte Postanderl mit seinen Braunen ließ auch nicht lange auf sich warten,und ganz verwundert schaute er drein, als er beim Eckardbauer anhalten mußte. „Jawo roaüt denn d'Leni mit'n Vota heut no hin, daß gar a so pressirt, bei welchen Wor-ten er das Trinkgeld, das ihm die Lein in die Hand schob mit der Aufforderung gutzu fahren, dankbarst in die Tasche schob, — is ja nindascht koa b'sonders Fest undd'Jakobi-Duld z'Minka is ja a schon vorbei." — „Geh Dap", sagt d'Leni, „nach Würz-burg roas ma außi, i und der Vota, den Bachhubcr Franz! müaß'n ma hol'n der imSpital is, und jetzt soweit kurirt is, daß er hoamroas'n derf." — „Jetzt nacha is wasanders", sagte Ander!, und lustig trieb er seine Braunen an, wußte er ja auch, daßLeni nicht schnell genug zu ihrem lieben Franzl kommen konnte.
Noch gerade zur rechten Zeit trafen sie in Miesbach ein, um mit dem letzten Zugnach München fahren zu können, und ohne Säumen wurden Billete und Gepäcke besorgt,und hinaus dampten unsere Reisenden in die stille Nacht.
Leni's Brief hatte nicht allein bei Franzl wieder Heiterkeit in das sonst so ein-förmige Lazarethleben gebracht, sondern auch bei seiner Pflegerin Fräulein Helene großeFreude erregt, die an der schlichten Schreibweise des treuherzigen Gebirgskindes doppeltesInteresse gewann, da sie daraus deren baldige Ankunft erfuhr, und mit mädchenhafterNeugierde auf die Bekanntschaft desselben gespannt war. Ungeachtet der Bitte Leni'svon ihrer Reise nach Würzburg vorläufig noch nichts zu erwähnen, konnte sie doch nichtumhin bei Franzl einige Andeutungen dahin zu machen, und wenn dessen Augen beibei solchem Gespräche oft hell glänzten vor Freude sein Mädchen bald zu sehen, schüttelteer doch ungläubig mit dem Kopf und meinte: „war scho recht, aber von da Alm kannjetzt d'Leni nit fort, dessell war nix, wer that denn da d'Arbet" — und freudig, daßder arme Bursch die Pflichttreue seines Mädchens allem Andern, ja sogar dem Interessefür seine Liebe vorzog, tröstete daß Fräulein ihn stets mit den Worten: „wer weiß es,vielleicht doch!" —
So vergingen mehrere Tage, als eines Morgens Fräulein Helene, die sich ebenzum Gang ins Lazarelh anschickte und an der Domkirche vorbeikam, aus dem großenPortale zwei Personen heraustreten sah, die durch ihre Tracht ihr sogleich auffielen; einegroße stämmige Figur mit grauen Haaren und Schnurrbart, sich eben noch bekreuzend,und den grünen Hut mit der Spielhahnfeder aufsetzend. Selten sieht man in der großenFrankenstadt solche Erscheinungen, und die zu gleicher Zeit aus der Kirche gehendenSchulkinder betrachteten neugierig den Tyroler, wie sie ihn nannten, mit den kurzenHosen, nackten Knien, und den mit Hackenägeln schwer beschlagenen Schuhen. Nicht min-der wurde aber auch das Mädchen in ihrer schönen kleidsamen Tracht angestaunt, diehinter diesem Manne einherging. Fräulein Helene war nicht im Zweifel über beidePersönlichkeiten, das Mädchen mußte Franzls Geliebte sein, unter Hunderten hätte siedieselbe herausgekannt, denn die Beschreibung, die er von seiner Liebsten machte, paßteja vollständig auf das lebende Bild, das sie jetzt vor sich sah; die schwarzen Zöpfe, diedas blühende Gesicht des Alpenmädchens umrahmten, die hellen freundlichen Augen, dieunter dem grünen mit goldener Schnur reich verzierten Hütchen hervorsahen, der großeschlanke Wuchs des Mädchens, alles stimmte wie gesagt auf das Bild, das Franzl ihroft so lebhaft ausmalte, und das jetzt leibhaftig vor ihr stand. Sie zögerte auch nichtlange, und mit der ihr angeborenen Leutseligkeit trat sie zu dm schüchternen Bauern-mädchen hin, und sprach sie freundlich an: „Sie sind gewiß die Jungfrau Leni vomEckardbauern aus Geitau, und suchen Jemand im Lazareth hier auf", — sie getrautesich wirklich nicht in Gegenwart des Begleiters des Mädchens den Jemand beim Namenzu nennen, — „wenn sie mitgehen wollen, ich bin eben im Begriffe ins Lazareth zugehen, und kann Sie dort ungehindert einführen." — Die Leni wurde über und überfeuerrot!) in ihrem Gesichte, und wußte sich anfangs nicht gleich zu fassen, und als sieihre Augen aufschlug und das freundlich lächelnde Fräulein betrachtete, brach sie plötzlichin die Worte aus: „Vata da schau, i glab hellicht dös is dös Fräula, die mein Franzl