Ausgabe 
(8.12.1880) 46
 
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kennt, und die mir an so schön'n Brief g'schrieb'n hat, grüaß Gott z'tausendmal FräulaLene, gelt'ns Sie sans, Sie könnens nit leugna", und treuherzig reichte das Mäd-chen ihre Hand dem Fräulein, und auch der Vater zog respektvollst den Hut schütteltedas ihm gereichte feine Händchen des freudig erregten Fräuleins.Doch jetzt kommt meinelieben Leutchen, jetzt wollen wir keine Zeit verlieren, und zu unserm braven Franzlgehen, den ihr heute bei diesem schönen Morgen schon im Freien vor dem Lazarethetreffen werdet, er ist schon soweit hergestellt, daß ich ihn bei seiner kräftigen Natur nichtvorzubereiten für nöthig finde, ahnte er ja schon längst, daß ihm eine so unerwarteteFreude bevorstehe. O nur an Juchaza wenn i tho durft, da kennt er mi schonz'weitist her", meinte Lenigeh g'stroachts Deandl", fiel ihr der Vater schnell insWort, um ihr den Ausbruch ihrer Freude abzuschneiden moanst denn Du bist dahoamauf der Alm, dessell gibts nit in der Stadt, sonst kunt'ns di glei veraretir'n a, nach«war der G'spaß glei vorbei, geltS Fräula?" So gerne Fräulein Helene einen solchenJodler hören möchte, so mußte sie doch zu ihrem Leidwesen der lauten Freude LenisEinhalt thun, und tröstete die muntere Sennerin damit, daß sie ihr zu Hause im Gar-ten ihres Vaters heute noch nach Herzenslust vorjodeln und vorjuchzen könnte. Währendsolcher munterer Unterhaltung kamen nun unsere Leutchen an das alte Bahnhofgebäude,wo in dem zu einem freundlichen Garten umgewandelten Hofe, der gegen den sogenann-ten rothen Bau hinging, die armen Verwundeten und Reconvalescenten in der frischenMorgenlust sich ergingen. Unmittelbar an der kleinen steinernen Treppe des länglichtenBahnhosgebäudes, im Schatten grünender Ziergewächse und Eitronenbäumchen, saß ineinem Rollwägelchen eine kräftige Gestalt, deren bleiches Gesicht noch mehr durch denschwarzen üppigen Vollbart abstach. Es mußte wohl ein schwer Verwundeter sein, daer nicht gehen konnte. Vor ihm auf der steinernen Stufe saß ein Anderer, im grauenSoldatenmautel mit einem schon frischeren Gesicht, zu dem der hellblonde wohlgepslcgleSchnurrbart recht gut paßte, er schien bereits schon vollständig genesen, denn man konnteeine gewisse Heiterkeit auf seinem gebräunten aber frischen Gesichte nicht verkennen.

Er hielt eine Cither auf seinen Knien, und sein Kamerad im Nollstuhl lauschteaufmerksam auf die lustigen Weisen, die er ihm vorspielte, während eine barmherzigeSchwester ein Glas mit erfrischendem Getränke in der Hand hielt, das sie eben d-,nschwer Verwundeten reichen wollte. Gar lieblich war diese Gruppe anzuschauen; dienoch leidende Gestalt des Kranken, das schon wieder aufblühende Gesicht des teilneh-menden Kameraden, und das sorgsame Auge der treuen Pflegerin in der ernst schönenKleidung der barmherzigen Schwester.

(Fortsetzung solgt.)

Schiller und die Münchener Hof- und Nationalvühne. *)

Den Münchenern war es früher nicht nur zweifelhaft, daß ein gutes Theater aufSitte und Aufklärung wesentlich wirke, sondern sie wollten auch nicht zugestehen, daßeine Bühne unter allen Erfindungen des Luxus und allen Anstalten zur gesellschaftlichenErgötzlichkeit den Vorzug verdiene:**) Der Intendant Franz Marius von Babo be-klagte sich nämlich einmal recht bitter darüber, daß der hiesige Bürgerstandobschon erdie ganze Theaterausgabe für sich in Verdienst und Einnahme bringt, theils aus Mangelan Kultur, theils aus Gewohnheit einer handgreiflicheren oder konsumtibleren Ergötzlich-keit das Hoftheater fast gar nicht besuchte." Die höheren Gesellschaftskreise hallen inihrer Vorliebe für die französische und italienische Bühne nicht mehr Verdienst um dashiesige Hof- und Nationaltheater.

Im Anfange herrschte eine große, andauernde Mißwirtschaft. Mit dem Verständnißder leitenden Kräfte stand es wie mit dem Geschmacke der Kritiker und Zuschauer.

*) Franz Grandaur, Chronik des kgl. Hof- und Nationalthcaters zu München . 1878.

**) Schiller , die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet.