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den Schauspielnovitäten Schillers „Demetrius" mit der Fortsetzung des Franz vonMaltitz.
Anstatt nun aber alle in einem Zeitraume von zwanzig Jahren zur Aufführunggebrachten Schiller 'schen Werke fleißig zu wiederholen, immer sorfültiger darzustellen, tratbei den: immer weiter schreitenden Verfall der Hofbühne das Gegentheil ein, so daß dieErrungenschaften beinahe verloren zu gehen drohten. Wiederum trat eine beklagenswertheMißwirthschaft ein, deren Schaden zwar wieder gut gemacht werden konnte, eine einiger-maßen musterhafte Aufführung großer Bühnenwerke aber auf lange Zeit unmöglichmachte. —
In den sechziger Jahren ließ man es sich wieder ernstlich angelegen sein, guteKräfte zu suchen und der Reihe nach Schillers dramatische Meisterstücke neu ein-zustudiren. Ernst Possart , Rüthling, Rohde wurden 1864 gewonnen, 1867 Häusser undim folgenden Jahre Klara Ziegler, die beste Darstellerin der Jeanne d'Arc . DasPublikum hat die Mühen belohnt, den großen Dichterfürsten längst warm verehrt, ihmsogar ein Denkmal errichtet, und die Verdienste der Intendanz noch nicht vergessen.Immerhin kann man aber bei einer Verglcichung der Gesammtaufführung aller drama-tischen Werke von 1867 bis 1877 einiges Mißfallen darüber nicht unterdrücken, daß indieser Zeit im hiesigen Hof- und Nesidenztheater auf Schiller 99 Abende, Goethe 66,Lessing 26, — auf Benedix aber 153, auf Moser 119 Abende fielen. Es läßt sichvorhersagen, daß sich diese Verhältnisse nicht leicht ändern lassen und gleichbleiben.
Verzeihlich ist es, daß man bis zu den Befreiungskriegen in München die wahreKunst unterschätzte, indem man sich selbst überschätzte; „bevor das Publikum für seineBühne gebildet ist, dürfte wohl schwerlich die Bühne ihr Publikum bilden", hat jaSchiller selbst gesagt.*) Strenger müßte ein neuer Verfall und eine neue Abneigunggegen die dramatischen Meisterwerke unseres Schiller verurtheilt werden» Es erfülle sichimmer schöner des großen Dichters Wort:
„Der fortgeschritt'ue Mensch tragt auf erhobenen SchwingenDankbar die Knust mit sich empor. —"
Das „fernsprccheride" Amerika .
Nach Mittheilungen des bekannten Ingenieurs Max M. v. Weber, der soebeneme Reise durch Amerika beendet hat, hat — wie die „Nat.-Ztg." berichtet — dieTele-phonie in den Ver. Staaten bereits eine in Europa nicht geahnte Höhe erreicht. Manhat, nach ihm, dort erkannt, daß die Zeit- und die gleichbedeutende Arbeitskraft-Ersparnißim geometrischen Verhältnisse de Zahl der Individuen wachse, die in freie, direkte mündlicheBeziehung treten können. Die Leistungen des Telephons in der öffentlichen Verwaltungsind außerordentliche. Ein hoher Staatsbeamter sagte ihm: „Wir hegen gar keineMeinung mehr für das örtliche Zusammenliegen unserer Behörden und Aemter, dennwenn sie auch über die ganze Stadt vertheilt sind, wir sprechen doch von jedem Zimmerin jedes Zimmer und in sehr viele Privatwohnungen der Funktionäre, als ob wir bei-sammen ständen." Die hauptsächlichste Entwickelung hat, wie Weber erzählt, die Tele-phons in den Mittelstädten 100—200,000 Einwohnern gefunden, die im raschen Auf-blühen begriffen sind. Hier sieht es auS, wenn man in gewissen Straßen in die Höheblickt, als seien sie mit weitmaschigen Spinnweben überzogen, so viel Telephondrähtekreuzen sich da, von Dachfirst zu Dachfirst gezogen. Wie vielfach die Kommunikationdieser Art in den Städten und nach deren Umgebung hin ist, davon erzählt er einergötzliches Beispiel: Ich suchte in einer solchen, im Norden des Staates New-Dorkgelegenen großen Mittelstadt eine uns lange befreundete, dort begüterte Familie auf.Die freudig überraschte Dame vom Hause empfing mich auf das Liebenswürdigste, abersofort nachdem wir uns die Hände geschüttelt, langte sie nach dem auf der Lehne ihrer
I Ueber das gegenwärtige deutsche Theater. 1782.