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Zimmer umherführte, und ihr nach Mädchenart alle ihre Schönheiten und Nippsachenzeigte, wobei Lern mit großem Interesse und Verwunderung Alles betrachtete. Auch andem am Hause liegenden Garten, den die herrlichsten Gewächse und Blumen zierten,konnte sich Leni nicht genug satt sehen, und in ihrer Herzensfreude, und angeheimeltdurch die lieblichen Baumgruppen, ließ sie einen lustigen Jodler erklingen, der mit einemhellklingenden Juchza schloß. —
Der alte Freiherr ließ sich's nicht nehmen den Eckardbauern mit seiner Tochter alsGäste in seinem Hause zu behalten, denn viel hatten sich die Alten zu erzählen, undmit großem Interesse hörte der Freiherr den Bauern über den Betrieb der Holz- undMehwirthschait im Gebirge sprechen, hatte er ja selbst auf seinem Landgute eine großeOekonomie. Während dessen schloßen aber die beiden Mädchen trotz ihres verschiedenenBildungsgrades die innigste Freundschaft, die meist der Himmel knüpft, wenn edle jungeHerzen sich begegnen.
So vergingen nun die Tage, an denen auch viele Stunden im Lazareth zugebrachtwurden, welches Franzl zeitweise zu einem Besuche beim Freiherrn verlassen durfte,schnell in Heiterkeit und Frohsinn, und endlich meinte der alte Gschwendtner: „Deandl,jetzt war's Zeit, daß ma an's Hoamroasa denka, d'Mutter wird gar nit wissen, warumwir so lang ausbleib'n." — Da^war denn bei den Mädchen des Jammers kein Ende,die Trennung war ihnen nach kaum geschlossener Freundschaft recht schmerzlich. „Undwas iS denn mit Franzl", meinte Leni, „der kunnt ja am End do a scho roas'n, wennma zwoata Klaß auf der Bahn fahren that'n." Ohne ihn wollte sie ja doch nichtwieder zurückkehren, zudem der behandelnde Arzt bei seiner schon vorgeschrittenen Ge-nesung kein Hinderniß in den Weg legte, ja sogar dessen Heimkehr in die frische Berg-luft heilsamer hielt, als das noch längere Verweilen im Lazareth.
Aber der arme Jaroczyn — konnten ihn, den treuen Kameraden, die Freundeallein zurücklassen? — wohl meinte nun Franzl es wäre vielleicht besser, wenn er auchnoch bei ihm zurückblicke, und dann wollte er ihn nach vollkommener Heilung mit nachFischbachau nehmen, so groß war die Aufopferung des Kameraden, denn sie halten sichja schon längst das Wort gegeben, sich nicht von einander zu trennen, und mit Freudenwilligte auch Jaroczyn in den Vorschlag seines Kameraden mit ihm in seine heimath-lichen Berge zu ziehen, hatte er ja Niemand mehr zu Hause, der für ihn sorgen würde,und glaubte er seine Heimath überall da zu finden, wo brave Menschen wohnen, und
daß Franz und all die um ihn waren, gute Menschen seien, davon hatte er sich
ja jetzt hinlänglich überzeugt. Gerne wollte er seine vollständige Genesung noch inWürzburg abwarten, um so mehr, als der alte Freiherr und Fräulein Helene darauf
bestanden, er müsse ohne weiters in ihr Haus gebracht werden; und wo könnte die
Heilung besser vor sich gehen, als bei einer solch aufopfernden liebevollen Pflege.
Dieß erleichterte den Abschied der braven Leutchen, und unter den heiligsten Ver-sprechungen, daß Jaroczyn, sobald es sein Zustand erlaube, nach Fischbachau nachkomme,und bei der Versicherung, daß auch der Freiherr und Fräulein Helene im nächsten Jahrdas bayerische Gebirg, den Eckardkamm und die Eltern Franzls besuchen werde, schiedinan unter Thränen des Dankes für die vielen Beweise liebevoller Pflege und Aufopferung»Ohne besonderen Aufenthalt ging nun die Reise unserer obcrbayerischen LandSlcute in ihre.Heimath vor sich, und mit freudigem Herzen begrüßte Franzl vor der Station Holzkirchen zum erstenmale wieder die schönen blauen Berge seiner Heimath, die ihm ein freundlichesWillkommen zuwinkten. Schnell dampfte der Zug durch das romantische Mangfallthalund bald hielt man am Vahnhofgebäude der letzten Station. Hier erwarteten dieReisenden die Eltern Franzls, der alte Huberbauer mit seinem stattlichen Weib, undmit Thränen der Freite umarmten sie ihren Sohn, der ihnen nach so viel überstandenenGefahren und Wechselfällen des Krieges, glücklich wieder gegeben war, jetzt wiedergenesen als tapferer Soldat stolz vor ihnen stand, und dessen Brust mit dem militärischenVerdienstkreuz geschmückt war. Lange lagen sich die Glücklichen, überwältigt von der