Ausgabe 
(15.12.1880) 48
 
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winterlichen Sonne die vom Eise hell glitzernden Häupter der Berge ins stille Thal,als eines Abends der alte Fischerlenzl an den Huberhof heranhampelte und einen Briefder jungen Bäuerin überbrachte, der ihm der mit der Post aus Miesbach kommendePostanderl eingehändigt hatte.Der is von Würzburg" rief Lein voll Freude vonihrem Spinnrad aufspringend,da schau Franz!, a Brief von unserer Fräula Helene,und gar auf roth 'n Papier, dös hat was z'bedeut'n" und Jaroczyn, der eben hin-terni Ofen mit Spähnschneiden beschäftigt war, ließ Holz und Messer fallen, und stelzteneugierig herbei als Leni mit freudig erregter Stimme las:

Liebe herzensgute Leni!

Seit dem letzten Brief, den ich an Dich schrieb, und indem ich Dir unsere glück-liche Ankunft zu Hause mittheilte, hat sich auch in unserm kleinen stillen Familienkreiseeine freudiges Ereigniß ergeben, an dem Du und die Deinen gewiß den herzlichstenAntheil nehmen werden. Seit gestern bin ich die glückliche Braut eines jungen bravenMannes, der uns allen schon längst näher stand, ohne daß- wir es ahnten. Mein Bräu-tigam ist der nemliche wackere Offizier, dem in der Schlacht von Kissingen auf demKirchhofe Dein braver Franz! das Leben rettete, und durch welches Schicksal jetzt dreiHerzen miteinander so eng verbunden sind. Du kannst Dir die Ueberraschung denken,als mir mein geliebter Arthur die Episode jenes Gefechtes erzählte, und ich ihm hiezudann die Aufklärung der Hiebei betheiligten Personen gab. Mit dankerfülltem Herzendenkt er oft an den braven bayerischen Jäger des 6. Bataillons, der ihm so selbstauf-opfernd das Leben rettete. Auch dem armen Jaroczyn reicht er kameradschaftlich dieHand zur Versöhnung, und freut sich auf den Augenblick Euch alle zu sehen und kennenzu lernen, aber der liebevollen Freundin seiner Braut schickt er besondere Grüße. Mehrkann ich Dir nicht schreibe», hat ja wie Du selbst weist eine liebende Braut vollauf zuthun und zu denken.

Seid von uns Allen herzlichst gegrüßt

Deine

Würzburg , am 20. Januar 1867. treue Freundin

Helene.

Welch freudige Ueberraschung diese kurze, in schlichten Worten gegebene Nachricht,bei unsern Leutchen hervorrief, läßt sich mit Worten nicht leicht beschreiben, und Franz!wäre am liebsten gleich mit seiner Leni nach Würzburg gereist, um den Freunden per-sönlich die Glückwünsche zu überbringen.

So hat das Schicksal auf blutigem Schlachfclde den Bund ewig dauernder Freund-schaft geschlossen, unter Männern, die, wenn sie sich auch als Feinde gegenüber standen,treu und als tapfere Soldaten Gut und Blut dem Vaterlande opferten, und jetzt imBewußtsein treuer Pflichterfüllung auf die Zeit zurückblicken konnten, welche den Grund-'stein legten zum Aufblühen eines einigen deutschen Vaterlandes. Und als das ewigdenkwürdige Jahr 1870 kam, und abermals die Kriegstrompete erscholl, wie klopfte daunsern tapfern Kriegern den Veteranen des Jahres 1866 das Herz vor Verlangen, alsBrüder und Kameraden mit einem tapfern deutschen Heere auszuziehen, gegen einenFeind, der unser schönes deutsches Vaterland bedrohte, und nie haben schmerzlichere Ge-fühle Jaroczyn beim Anblicke seines Stelzfußes bewegt, als an dem Tage, an welchemein muthiges Häuflein wackerer Gebirgssöhne der Umgegend zu den Fahnen eilte. Undals im Laufe des Krieges die Nachrichten der glänzenden Siege der deutschen Armeenauch in das stille Aurachthal drangen, dann hob sich das Herz der Veteranen in stolzerFreude, und den Siegeskranz, den liebende Hände den. zurückkehrenden tapferen Kriegerngebunden, schmückte die blühende Alpenrose,die Blume von Geitau.