Leopoldsfest.
Von Aglaia v. Enderes-
An einem frühlingsgrünen, herrlichen Sonntag war es, wo ich von der Höhe desLeopoldsberges — zum erstenmal in meinem Leben — die uralte, kuppelgekrönte StadtKlosterneuburg erschaute. Es war das ein reizendes, unvergeßliches Bild, das da tiefunten im Thals, in Frühlings-Sonnenschein getaucht, von Frühlingsduft umsponnen, amFuße des Berges lag: die Donau , der große stolze Strom, der, eine ganze Fluth vonfunkelndem, blitzendem Golde, der jungen Morgcnsonne entgegenzog; die dunklen Inselnmitten in dem Strom, dann die grünen und die silberweißen Bäume der Au, über denendie Möven mit den langen glänzenden Schwingen sachte auf und nieder schwebten, unddann die beladenen Schiffe, die lautlos unter dem blauen Himmelsgewölbe hinglitten,die glitzernde Straße entlang, und an den Ufern die Gehöfte, die Dörfer, die blankenHäuser und Kirchlein, und an der Biegung des Stromes, wie hinausgeschoben in dieschimmernde, leuchtende Fluth, das stolze Stift der Stadt, mit seinen großen, im Sonnen-lichte lodernden und flammenden Fenstern und mit den mächtigen Kuppeln, die wie dunkleKronen sich von dem hellen Bilde da unten abhoben.
Es war das ein zauberhafter Anblick, der mit fesselndem Reize all' die Erinnerun-gen wachrief, mit denen Sage und Geschichte durch viele Jahrhunderte die kleine Stadtan dem großen Strome umwoben und umsponnen haben. Dort unten, wo die Fenstergoldig leuchteten und flammten, dort soll vor mehr als sicbzehnhundert Jahren dasalte Citium gestanden haben, das wohlbesestigte Castell, das Kaiser Hadrian erbauteund in welcher Antoninus Pius das OoüoZium üarnluum errichtet hat. Da kamenspäter über die Ebene weit drüben, über den Strom, von Insel zu Insel, und überdie breite offene Fluth die Völker des Nordens hereingezogen und stürmten gegen dieWälle des Castells, gegen die Schanzen und Mauern, und drängten in die Gassen undzertrümmerten und vernichteten, was auf ihrem Wege lag, bis ein Stein vom andernwich und die trotzige römische Burg bis in ihre Grundvcsten von der Erde weggetilgt war.
Durch Jahrhunderte blieb nun das Land verödet und menschenleer; Bäume strebtenempor, Busch- und Rankenwerk deckte den Boden und die herrliche Wüstenei eines ver-gessenen und verlassenen Uferlandes trat in ihre vollen Rechte. Erst als Karl der Große zur Verwirklichung seiner weitaussehenden Pläne Ansiedelungen schuf, Städte und festePlätze entstehen ließ, erhob sich an der Stelle des alten Citium eine neue Stadt, Niven-burg genannt, in deren Mitte, wie die Sage erzählt, Kaiser Karl die Kirche zum hei-ligen Martin auf einem Hügel mit dem Ausblicke auf das bewaldete Donauland erbauenließ. Die eigentliche, emsig arbeitende, gewerbetreibende Stadt lag auf einem geräumigenJnsellande, das durch Stege und Brücken mit den Uferbewohnern in Verbindung stand.Das k'orum Ktvvullul'K war der Markt, der Handelsplatz; dort standen die Hütten undHäuser der Fischer und Schiffer, dort befand sich auch die Ourirr und der Gerichtsort.Dieses Forum war reich bevölkert, von blühendem Verkehr durchströmt, durch Handelund Gewerbe belebt, als plötzlich der Fluß, in dessen Mitte sich die Ansiedler vertrauens-voll gebettet hatten, das fröhliche Menschengewimmel satt bekam und in trotziger, wehr-hafter Laune die Hütten und Häuser fortspülte von der Insel und seine Fluthen rück-haltslos über die Stätte menschlichen Fleißes und menschlichen Hosfens und Strebensergoß. Was flüchten konnte, floh und machte dem ungestümen Drängen Platz. DieEinen rückten zu den Ansiedlern am rechten Ufer hinauf, die Andern machten das Aulandam linken Ufer urbar und bauten hier eine große Zahl von Häusern, die in ihrer Ge-sammtheit abermals den Namen Poruin Nivsiiburg- führten, wie einst die Ansiedlungdrüben auf dem begrabenen Jnselland. Die Lage des Forums ist heute nicht mehr zubestimmen, da zu Anfang des dreizehnten Jahrhunderts auch dieser wohnliche Platz vonden Wässern überschwemmt, von den Wellen fortgerissen wurde und die Bewohner, durchdas zweimalige Unglück, das der Strom gebracht, traurig belehrt, tiefer in das Landzogen und den Platz erwählten, auf dem heute die Stadt Korneuburg steht. Im