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Jahre 1212 war das I?oruia UIvsnImrA -sammt seiner Pfarrkirche nahezu vollendet;Richter und Rath zogen in die neuerbauten Wohnstätten am linken Donau -Ufer und dieMitbürger am jenseitigen Strande jmußten zur Ordnung ihrer gerichtlichen Angelegen-heiten in das nun-weitab liegende Forum hinüberkommen. Die Mühsal, welche dieserGeschäftsverkehr über den launenhaften Strom hinüber mit sich brachte, bewog Albrecht I. ,den Bürgern der alten Stadt einen eigenen Richter und Rath zu geben und Nivenburgund dessen Forum zu zwei getrennten landesfürstlichen Städten zu erheben.
Ein Jahrhundert früher, als diese Trennung geschah, erbaute Markgraf Leopoldauf der äußersten Spitze des Kahlenberges ein befestigtes Schloß, das gegen Ungarn als haltbarer Platz und als Beobachtungspunkt dienen sollte; und als der Markgraf sicham 1. Mai 1106 zu Mölk mit Agnes, der T-chter Kaiser Heinrich's IV., vermählt hatte,zog er mit seiner Gemahlin in die neuerbaute Burg, die er von da an zu seiner Residenzbestimmte. Von dieser Burg, deren Thürme und Mauern noch heute hoch oben aufdem Berge ragen, spinnen sich die Fäden der Sage, die sich mit der Gründung undErbauung der Kirche und des Stiftes von Klosterneuburg verbindet. Wie bekannt,wird erzählt, daß Leopold und seine Gattin an eine,» der Fenster des Schlosses standenund von ihrem Lieblingsplane, ein Gotteshaus zu bauen, sprachen, als ein Windstoß denSchleier der Fürstin entführte und weit hinab in die Tiefe des Waldes, an das Uferder Donau trug. Das Gelübde des Markgrafen, an der Stelle, wo sich der Schleierfinde, eine Kirche errichten zu wollen, die Entdeckung des Schleiers hoch oben in denWipfelzweigen eines Baumes mit allen wundersamen Nebenereignissen sind längst inWort und Bild gläubig verherrlicht und dargestellt worden, und es bleibt nur zu be-richten, daß Markgraf Leopold den uralten Wald mit seinen köstlichen Jagdgründen, deran der Stelle des einstmaligen römischen Castells emporgewuchert war, wegräumen ließund 1106 ein kleines Kirchlein und ein Kloster erbaute, dessen Thürmchen nach denMauern des Schlosses droben Hinaufblicken konnte. Dieses bescheidene Gotteshaus scheintden Absichten des frommen Markgrafen nicht entsprochen zu haben, denn schon acht Jahrespäter ließ er den Bau einer neuen, großen Kirche beginnen, welcher zweiundzwanzigJahre dauerte.
Indessen hegte und pflegte Leopold seine Lieblingsstadt Nievenburg, die zeitweiligseine Residenz war. Er ließ nahe an dem Kloster ein Schloß aufführen, „der Fürsten-hof" genannt, welches auch später noch, nach Leopold's Tode, von den Babenbergernbewohnt wurde, bis Albert von Habsburg Ende des dreizehnten Jahrhunderts sich andem Eingänge in das Kierlinger Thal eine neue, stattliche Burg erbaute. Um denLandesherrn schaarten sich seine Diener, sein Hofhält, sein Gefolge, die Ministerialen,die in der Stadt ihre eigenen Häuser besaßen oder Wohnungen mietheten, welche demStande und dem Ansehen der Herren entsprachen. Der Zusammenfluß des Volkes undder Edlen des Landes verlieh der Stadt Bedeutung und Glanz, zu welchem das Stiftund die Kirche mit ihren Weihen und Besugnissen, mit ihren Festen und dem weih-rauchumdufteten Gepräge nicht wenig beitrugen. Der österreichische Adel hielt hier seineZusammenkünfte, der Fürst hielt hier Gericht, und manche denkwürdige Urkunde, mancheStiftung und Verbriefung nahm von der wald- und stromumrauschten Stadt jenseits desKahlenberges ihren Weg in das Land hinaus.
In demselben Jahre, in welchem Leopold sein Lieblingswerk, den Bau der Kirche,vollendete, im Jahre 1136 am 15. November, schied er aus dem Leben, von seinenUnterthanen, von seiner Frau, von seinen Kindern tief betrauert, und wurde, ebenso wieAgnes, welche ihm im Jahre 1157 folgte, im Capitel zu Klosterneuburg beigesetzt.
Jahrhunderte waren vorübergegangen; die Geschichte der Stadt und des Stifteshatte in dem Strome der Zeiten mitgetrieben; Hunger, Krieg, verheerende Feuer, Fürsten -und Völkerzwist waren über das Stück Land hingegangen, dem der fromme Markgrafeinst, gleichsam als Verheißung von Ruhe und Frieden, das stille, hochragende Gottes-haus anvertraut hatte; da wendete sich Herzog Rudolf IV. an Papst Jnnocenz VI. mit