Ausgabe 
(18.12.1880) 49
 
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ältesten Sohn Philipp, den jetzigen Inhaber der Firma, deren Namen er, von demStiefvater udoptirt, vom Oheim zum Schwiegersohn erwählt, nach beider Tode angenom-men, und ihr jüngstes Kind Leonhard, welcher von seinem Vater eine glühende Vorliebefür den Offizierstand ererbt hatte und seine Mutter durch vieles Drängen vermochte,ihrer Absicht, auch ihn mit dem Namen des Stiefvaters in das Geschäft eintreten zulassen, ungetreu zu werden und ihm zu gestatten, als Leonhard von Litten sich demgroßen Friedrich, welcher die Offizierstellen prinzipiell nur durch Adelige besetzte, zumDienst zu stellen. Welche Ueberwindung es der Mutter kostete, ihren Lieblingssohnruhig in der Uniform zu sehen, deren Anblick immer noch alle die trüben Bilder derVergangenheit heraufbeschwor, ahnte der leichtlebige, heißblütige Leonhard nicht; denner hatte seiner Mutter, weil ihre Liebe schwer und selten das Eis äußerer Zurückhalt-ung und Strenge durchbrach, mit seinem raschen Empfinden immer sehr fern gestandenund sah in ihr mehr die gestrenge als die liebende Mutter; während Philipp in seinerernsteren, klareren Natur ein größeres Verständniß für seiner Mutter Wesen besaß under ihr schon früh ein Theilnehmer ihrer Gedanken und Sorgen und nun eine Stützeund Hilfe geworden war.

Doch so sehr sie Philipps Werth erkannte, ihre Liebe gehörte in größerem Maßedem Jüngsten, dem Kinde, das nichts von dem Unglück der früheren Jahre mehr wußte,und auch heute galt all die Spannung und Unruhe, welche sich in ihren Zügen malte,als sie wieder und wieder das tiefe Wohnzimmer durchschritt, ihrem jüngsten Sohn demLieutenant von Litten. Es war derselbe seit ein paar Wochen mit einem Kameradenauf dessen schlesischen Gütern auf Urlaub. Er hatte nichts von sich hören lassen, bisvor zwei Tagen ein Brief eintraf, in dem er kurz meldete, er werde am Abend des20. Januar mit einer jungen Frau zu Haus wieder eintreffen und bitte für ihn und seinjunges Weib ein paar Zimmer in Bereitschaft zu setzen. Bestürzung, Sorge und Unwillestritten sich bei dieser rücksichtslos kurzen Meldung und Forderung im Herzen Frau Ka-tharinas; aber die Nachsicht mit ihres Sohnes lebhaftem Temperament, das ihn so oftzu raschem Handeln verleitete, vermochte sie doch, ein paar hübsche, nach dem kleinenGarten hinter dein Hause gelegene Fremdenzimmer für die fremde, junge Frau in be-haglichen Zustand bringen zu lassen. Obgleich Frau Charlotte Hcideker, geb. Heideker,Philipps seit einem Jahr verbundene junge Frau, meinte, eine Rücksichtslosigkeit verdienedie andere; es wäre das schon viel zu viel und zu gut für eine Frau, von der er sichschäme, Näheres zu melden, und die er wer weiß wo aufgelesen.

Auch heute Abend sgmphatisirte Frau Charlotte wenig mit der Unruhe und Span-nung ihrer Schwiegermutter. Sie saß an dein schweren eichenen Tisch, auf welchemzwei Wachskerzen auf silbernen Leuchtern brannten, bequem in ihrem hohen Stuhl zurück-gelehnt und las eifrig in einem kleinen Buche. Ihre kleinen mit blauscidenen Hacken-schuhen bekleideten Füße ruhten auf einem bunten Kissen, und ihr weißer, schlanker Arm,dessen schöne Form durch die weißen Spitzen, welche Aermel und Taille ihres großblu-migen Kleides zierten, noch mehr gehoben wurde, stützte sich auf den Tisch, ihre kleineHand hielt das graziös frisirte Haupt. Zuweilen schlug sie ihr graues Auge auf, welchesdurch die dunklen Brauen und langen Wimper», die es beschatteten, wie durch den klugenBlick einen eigenen Reiz erhielt, und das Schönste in ihrem sonst nur wenig hübschenGesichte war, und richtete den Blick auf Frau Katharina, und der Andruck ihrer Zügeso wie das kaum merkliche unwillige Kopfschütteln verrieth, wie wenig sie mit der sicht-lichen Aufregung derselben einverstanden mar. Endlich blieb Frau Katharina vor demTische, an dem ihre Schwiegertochter saß, stehen und sagte mit ihrer vollen, tiefenStimme ein wenig scharf:Dich scheint dein Buch heute Abend ja wieder außerordentlichzu interessiren! Was ist es?"

Frau Charlotte, welche wohl wußte, wie wenig die alte Dame ihre Vorliebe fürdie neue Literatur theile, zuckte die Achsel, als wollte sie sagen:WaS nützt der Titel?"warf aber doch ihr Buch herum und antwortete kurz:Literaturbriefe von Lessing."