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„Wieder von Lessing ! Ich begreife nicht, was du an den Schriften eines Mannesfindest, von dem viele nicht gut sprechen."
„Weil sie seinen Geist fürchten. Es wäre zu wünschen, daß alle Dichter undgroßen Männer so rein und groß dastünden wie er. Philipp, welcher ihn persönlichin Breslau kennen und lieben gelernt, bewundert ihn ja noch mehr als ich!"
„Ja, und kauft jedes Wörtchen, das von ihm gedruckt wird, mit noch größeremEifer, wie du es lesend verschlingst. Und doch ist es nur zu bekannt, daß unser großerKönig ihn nicht sehr hoch achtet und ihm die Stelle an seiner Bibliothek versagt hat!"
„Weil er seinen häßlichen Affen, den Voltaire, einst beleidigt hatte!"
Charlotte, du vergißt, von wem du sprichst!"
„Nein, ich verehre unsern König eben so wie Sie und alle, ich halte es für keinVerbrechen, seine unbegreiflichen Lieblinge nicht zu lieben. Ich ziehe nun einmal trotzKönig und Voltaire diesen Lessing allen andern vor. Und ich bin überzeugt, hätte Leon-hardt diese Vorliebe und nicht Philipp und ich, würden Sie ihn nicht wieder und wieder««gelesen verdammen."
Sie hatte die letzten Worte leiser und mit niedergeschlagenen Augen gesprochen,denn Frau Katharinas Blick wurde schärfer, ihre Züge strenger.
„Was soll das bedeuten?" fragte sie herb.
„Nun, ist es nicht wahr, daß Sie Philipp, der doch das ganze Haus mit seinerArbeit erhält, Ihrem jünger« Sohn nachsetzen?"
„Hat sich Philipp darüber bellagt?"
„O, nein, gewiß nicht, dazu rft er viel zu selbstlos und liebt er seinen Bruder zusehr, aber mich kränkt es!"
„Dich!" rief die alte Dame lebhaft. „Du zeigst sonst nicht so viel Interesse fürdeines Mannes Sache.
Charlotte saß noch immer mit gesenkten Wimpern, ihre schlanken Finger zupftenunruhig an der Spitze ihres Aermels.
„Philipp und ich sind zufrieden mit einander so wie wir stehen, sagte sie."
„Nun ja, ihr habt beide die ruhige Natur der Heidekcr, von der Lconhard leiderwenig erhalten hat!"
„Leider? Werden khm darum seine unbesonnenen Streiche nicht immer vergeben?"
„Nicht darum. Ich wünschte nichts mehr, als daß er ein Heideker wäre an Naturwie von Namen. Aber ob er oft unbesonnen und voreilig handelt, er hat noch niemalsHerz, Ehre und edlen Sinn dabei verletzt, darum war es leicht, ihm zu vergeben, undich habe das Vertrauen, daß er auch hier seinem Wesen getreu blieb. Unruhig machtmich vor allen die Sorge, ob er auch so schnell den Konsens seiner Oberen — doch halt,da sind sie? Sind Sie da, Jonas?"
Sie kehrte sich erregt dem alten Diener zu, welcher im braunen Rock und steiferZopfperrücke an der Thür stand, durch die er eben eingetreten.
„Der Herr Leutnant ist eben mit einer Dame vor der großen Thür abgestiegenund kommt die Treppe herauf," meldete er ohne seine eiserne Miene im geringsten zuverziehen.
„So geh ihnen entgegen und führe sie sogleich hierher. Die Zimmer sind dochwarm und erleuchtet?"
„Wie Madam befohlen."
„Es ist gut, geh nur."
Jonas ging durch das kahle Vorzimmer hindurch den Gang, an welchem die Zimmerder verschiedenen Familienmitglieder sowie der große, gemeinsame Eßsaal lagen, hinabbis zu der Treppe, welche aus den unteren Waaren- und Comptoirräumen in den obernStock führte. An ihrem Fuße stand der riesenhafte Wächter des Lagers, der zugleichnach Schluß der Arbeitszeit das Amt des Pförtners versah, und leuchtete mit seinerLaterne ein paar in Pelze gehüllten Gestalten, welche die Stufen der Treppe erstiegen»