Ausgabe 
(18.12.1880) 49
 
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Ah, sieh da, Jonas!" rief Leonhard von Litten, als er des Alten ansichtig wurde,und sprang die letzten Stufen schnell hinan, indem er die kleine Gestalt neben sich mit-zog.Kam mein Brief an? Werden wir erwartet? Sag Er mir schnell, was sagtedie Mutter."

Madam erwartet den Herrn Leutnant mit der Dame im Wohnzimmer," entgegneteder Alte mit unerschütterlicher Ruhe und empfing den Pelz, den Leonhard ihm zuwarf»

Er ist immer derselbe steife Gesell! Wo sind unsere Zimmer?"

Das für den Herrn Leutnant dort, wie immer, für die Dame bestimmte Madamdas Fremdenzimmer nach dem Garten."

Gut. Sollen wir erst dorthin gehen, mein Engel? Du bist so erschöpft, duzitterst?" Er beugte sich zärtlich zu seiner Gefährtin nieder.

Madame sagte, sie wünschte Sie sogleich zu sehen," bemerkte Jonas mit eisernemGesicht.

So wollen wir sie nicht warten lassen," sagte eine weiche, kindliche Stimme hinterdem Schleier hervor.Ich kann ja hier ablegen."

Nein, komm hierher." Leonhard trat in das Vorzimmer und war dann mitzärtlicher Sorgfalt bemüht, ihr beim Ausschälen aus allen den Tüchern und Mantelnzu helfen. Selbst in Jona's unbeweglichem Gesichte zeigte sich ein Schimmer von Neu-gierde und Erstaunen, als allmählig aus der Umhüllung eine so reizend feine Gestaltmit so allerliebstem von braunen Locken umgebenen Kindergesichtchen herauskam, daßman glauben konnte, eine kleine Waldelfe habe sich in dies düstere Stadthaus verirrt.

Leonhard ging ein paarmal, hier eine Locke zurecht legend, da eine Schleife ordnend,um sie herum, wobei seine Blicke mit bewunderndem Ausdruck leuchtend auf ihr ruhten,zuletzt hob er ihr gesenktes Haupt zu sich auf und sah ihr voll Liebe in die schönennußbraunen Augen.

Wie blaß du bist, süße Geliebte. Hast du so große Furcht?"

Ich werde es überwinden," sagte sie muthig und machte einen Versuch zu lächeln.

Er küßte ihre kleinen Hände und wandte sich um, denn Jonas öffnete schon dieThür des anstoßenden Zimmers.

Nahe der Schwelle stand die hohe Gestalt seiner Mutter. Sie streckte die Handaus, eine ungewöhnliche Erregung stand in ihrem ernsten Antlitz. Mit wenigen hastigenSchritten war Leonhard bei ihr.

Mutter, hier ist meine Gemahlin, wollen Sie sie gütig aufnehmen?" fragte erihre Hand küssend mit unsicherer Stimme.

Du verstehst zu überraschen," sagte Frau Katharina und ihr großes, dunkles Augeruhte mit prüfendem Blick auf der kleinen Gestalt der neuen Tochter, kaum weiß man,ob man dir zürnen soll oder nicht; solche Uebereilung ist ganz gegen alle Sitte, meinSohn!"

Mag sein, aber ich denke, solch ein süßes, engelhaftes Weib zu gewinnen, recht-fertigt es genugsam, wenn man einmal gegen die steife Sitte der förmlichen Weltverstößt," rief Leonhard und legte seinen Arm schützend um die Taille seiner jungenFrau.Doch, meine Mutter, Sie können versichert sein, alles ging in bester Ordnungvon statten, dafür sorgte unsere verehrte Protektorin, die Gräfin von Schweitnitz. Dochdas berichte ich Ihnen später. Für jetzt möchte ich nichts weiter, als für meine Praxedes,die, todmüde von der Reise, bald der Ruhe bedarf, um freundliche Aufnahme und etwasLiebe bitten."

Ja, Madam, seien Sie nicht böse um mein Eindringen," murmelte die kleineFrau und beugte sich tief über die Hand Frau Katharinas, in deren Gesicht plötzlich einschneller Wechsel von Erregung, Schrecken und Kälte vor sich ging. Mit verdüsterterStirn schaute sie auf die graziöse Gestalt der jungen Frau herab, und ihre Stimmeklang abweisend und scharf, als sie erwiederte:Da es einmal geschehen, so bleibtmir wohl nichts übrig, als es zu nehmen, wie es einmal ist. Wenn deine Frau in unse-