Ausgabe 
(18.12.1880) 49
 
Einzelbild herunterladen

389

pem einfachen Bürgerhause, nachdem sie das gräfliche gewohnt war, vorlieb nehmen will,so soll es mir recht sein. Die Liebe ihrer Hausgenossen zu gewinnen ist ihre Sacheund kann erst die Zeit erwirken. Charlotte und ich sind, wie du weißt, nicht gewohnt,jedem Fremden unsere Liebe entgegen zu tragen. Charlotte, willst nicht die Angekom-mene begrüßen?"

Leonhard wandte sich, den peinlichen Eindruck, den seiner Mutter Worte auf seinekleine Frau machen mußten, zu verwischen, zu seiner Schwägerin, welche von ihrem Sitzaus der Begrüßung zugesehen und sich jetzt erhob, dem Paare entgegen zu gehen.

Charlotte, Bruder Philipps Frau", sagte Leonhard vorstellend und fügte, ihr herz-lich die Hand reichend, leiser hinzu:Ich hoffe, du wirst bald mit meiner PraxedesFreund werden! Aber wo ist Philipp?"

Charlotte vermied den bittenden Blick Leonhards, reichte ihm kaum die Spitzenihrer schlanken Finger, verbeugte sich förmlich gegen die neue Hausgenossin und sagtedann kalt:Philipp ist nach Berlin in Geschäften, er kommt schwerlich vor ein paarWochen zurück und wird erstaunt sein, dich so plötzlich und heimlich vermählt zu finden!Sie heißen Praxedes! Habe ich recht? Ein seltsamer Name!"

Ich erhielt ihn nach dem 21. Juli, meinem Geburtstage", sagte die Gefragte,gewaltsam die Thränen, die sie zu übermannen drohten, niederkämpfend.

Darf man Ihren weiteren Namen nicht auch wissen?"

Natürlich, Praxedes von Litten", siel Leonhard lächelnd ein und sah mit zärt-lichem Blick auf sein junges Weib herab.

Charlotte wandte sich ein wenig ab und führte ihr Tuch an den Mund.

So ist also der Mädchenname deiner Frau ein Geheimniß, daß du auch jetzt nochdamit zurückhältst?"

Leonhard erröthete.Nein, gewiß nicht; aber Praxedes ist zu müde, um sie mitlangen Erklärungen aufzuhalten. Um aber der weiblichen Neugierde gerecht zu werden,will ich dir sagen: du siehst hier die Pflegetochter der Gräfin von Schweitnitz, Praxedesvon Sternberg, des ehemaligen Hauptman von Sternberg Tochter. So und nun erlaubstdu wohl, daß wir uns zurückziehen? Auch Sie, meine Mutter? Praxedes kann nichtmehr."

Ja geht! Aber du wirst doch wieder zu mir kommen, Lepnhard?"

Wie Sie befehlen, Mama." Damit umfaßte Leonhard seine kleine schwankendeFrau und führte sie hinaus. Er sah nichts von dem Blick, fast des Entsetzens, mit demseine Mutter, die sich schwer auf die Lehne des Stuhls, an dem sie stand, stützte, ihmnachsah, er hörte nicht mehr Charlottens verächtlichen Ausruf:Was für ein zimper-liches Püppchen!" er hatte nur Augen für die immer blässer werdende Praxedes, die erdraußen fester in seine Arme nahm und mit der jungen Kraft seiner großen kräftigenGestalt den Gang hinunter bis in das ihr bestimmte Zimmer trug, wo er sie auf einemRuhebett neben dem großen Ofen niederlegte. Dort kniete er an ihrer Seite niederund bedeckte ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen.Praxedes, Geliebte, vergieb mir.Sei mir nicht böse!"

Sie öffnete die Augen, welche sie im Kampf mit den Thränen geschlossen, diehellen Tropfen rannen hernieder und ihre Lippen zuckten von verhaltenem Weinen.

Dir böse, Leonhard, warum sollte ich dir böse sein?"

Weil ich dir solchen Empfang bereitete! Weil ich in meiner Aufregung undHast dich zu gewinnen, nicht daran dachte, wie ich die pedantischen Formen dieses Hausesverletzte und wie man dir das vergelten wurde! O, mein süßes Herzlieb, habe nurkurze Zeit Geduld hier, dann gebe ich dir ein anderes Heim, wohnlicher, traulicher, wennauch bescheidener als dies finstere Haus, das ich nun mit allem, was es enthält, hassenMöchte um deinetwillen."

Praxedes richtete sich auf und trocknete ihre Thränen.

^Nein, Leonhard, zürne den Deinen nicht; sie haben vielleicht recht, ein wild-