fremdes »Mädchen mit Mißtrauen aufzunehmen. Es ist nur meine thörichte Furcht vorfinsteren, unwilligen Gesichtern, die mich so fassungslos machte. Sei auch dem Hausenicht gram, du erzähltest mir unterwegs ja so viel, wie gern du es als Knabe gehabt.Sorge dich nicht um mich, ist es hier nicht ganz hübsch und wohnlich? Sieh, der hübschePlatz in der Fensternische: den werde ich zu meinem Lieblingsplatze machen. Laß michsehen." —
Sie sprang von ihrem Ruhebett auf und trat an die Nische des einzigen großenFensters heran.
„Hier wird es sich ganz hübsch arbeiten und lesen lassen, wenn ich allein sein muß",sagte sie und hob ihr Antlitz zu ihm, der ihr nachgefolgt war, mit lieblich tröstendemLächeln auf. „Werde ich hier auch die Gasse hinabschauen können, wann du wiederkommst, oder geht dorthin nicht dein Weg zur Kaserne?"
„Nein Herzlich, hier siehst du nur in den Garten!"
Er schlug die Jalousien zurück und sie schauten zusammen in den schneebedeckten, imMondlicht glänzenden, kleinen Garten hinab.
„O, das ist schade", meinte PraxedeS, sich an ihn lehnend. „Aber dies ist auchhübsch! Wie herrlich der alte Mond, unser treuer Begleiter auf der Fahrt, alles er-leuchtet!"
„Unser treuer Begleiter und Zeuge auch vor drei Abenden, da du mein wardst,Geliebte! Ich vergesse niemals, als ich, an der Thür der Kapelle wartend, dich mitder Gräfin wie dunkle Schalten auf den mondbeschienenen Wegen daherschwebcn sah!Wie mein Herz klopfte in Erwartung und Verlangen, und wie du dann, die Hüllen ab-werfend, im matten Licht der Altarkerzen im Brautschmuck vor mir standest! MeineBraut und in wenigen Minuten mein Eigenthum!"
„Ich dein Eigenthum, und du mein Schutz, mein Retter", sagte sie leise und inseine leuchtenden Augen schauend. „O, wie habe ich gezittert und mich geängstigt, bisder Priester meine Hand in die deine legte und das Wort sprach, das mich Schmeitnitzauf immer entzog. Wie soll ich dir danken für deine Rettung! Ich war so verzweifelt,bis du kamst, Leonhard."
„Durch deine Liebe, meine Praxedcs", flüsterte er und küßte sie wieder und wie-der, als sie sich dichter in seinen Arm schmiegte. Dann aber richtete sie sich auf undsagte ängstlich: „Aber deine Mutter wartet auf dich."
„Laß sie warten", entgegnete er unwillig.
„Nein, erzürne sie nicht noch mehr. Einmal mußt du ihr doch alles sagen."
„Was sagen? Wie ich zu meinem Weibchen kam? Das ist ein viel zu süßesGeheimniß, es auszuplaudern!"
„Aber sie wird wissen wollen, wie alles kam."
„Ja, und wird fragen wie ein Großinquisitor."
„Run, siehst du?"
„Nun, siehst du?" wiederholte er lachend, „da wird alles nichts helfen, die Beichtemuß einmal gemacht werden. Aber es hat damit Zeit."
„Nein, wenn's geschehen muß, ist's besser gleich", sagte Praxedes.
„Schau einmal, wie muthig du bist, wenn es dich nicht angeht", neckte er.
„Ei, ich bin auch ein zaghaftes Mädchen und du ein Soldat."
„Glaube mir, .Herzlieb, einer Batterie österreichischer Kanonen ist leichter zu be-gegnen als meiner Frau Mutter, wenn sie ernstlich zürnt. Doch du hast recht," fuhrer ernster fort, Ich muß noch heute Abend deiner Stellung hier im Hause gewiß sein.— Aber wirst du dich nicht fürchten? Ich muß dich nun ganz allein lassen!"
„Ich fürchte mich nicht, ich werde viel zu denken haben", sagte sie.
Er nahm, so zärtlichen Abschied, als ginge er in die weite Welt, und grüßte nochvon der Thür zurück; war es doch das erste Mal, daß er sein junges Weib verließ,seit er sie vor der Kapelle in den Reisewagen hob.