Sie schaute ihm noch lange nach, als er verschwunden, dann zog sie fröstelnd denShawl dichter um sich, welchen ihr Leonhard sorgsam um die Schultern gelegt, Siefühlte sich von der tagelangen Fahrt auf's äußerste erschöpft, und doch ließen all dieneuen Gefühle und Eindrücke sie zu keiner Ruhe kommen. Müde wanderte ihr Blickin dem dunkelgetäfelten, von der brennenden Wachskerze auf dem eichenen, mit weißerDecke behanganen Tisch, matt erhellten Zimmer aimher.
Hier sollte sie wohnen, bis alles geklärt war und es Leonhard gestattet war, eineigenes Haus zu gründen. Ach, Leonhard hatte recht, es war ein altes finsteres «Haus,so ganz anders, als das der Gräfin, in dem sie die letzten Jahre gelebt. Ein bangesGefühl hatte sie erfaßt, als sie, durch die eiserne Thorthüre eingelassen, an der Seitedes riesigen Wächters durch die Gewölbe der Treppe zuschritten, und dies Gefühl derBeklommenheit war durch den kalten Empfang der Damen nicht verbessert. Aber viel-leicht gelang es ihr ja mit der Zeit, die begreifliche Abneigung gegen die aufgedrungeneHausgenossin zu besiegen und dann — ganz abgerechnet, daß ihr ja Leonhards Liebeals Schutz immer blieb — dann war das alles ja leicht zu ertragen gegen das, wassie letzthin im Hause der Gräfin durchlebt.
Praxedes von Sternberg hatte schon mancherlei Wechsel im Leben erfahren, trotzihrer achtzehn Jahre. In ihrer ersten Erinnerung sah sie sich in Luxus und Wohllebenvon vielen Dienern umgeben. Ihren Vater kannte sie kaum, ihre Mutter aber, wennauch oft von geselligen Pflichten hingenommen, pflanzte durch ihre reiche Liebe und ver-ständige Milde eine frische Heiterkeit und zärtliche Gemüthstiefe in das Herz ihres lieb-lichen Kindes. Dann kam die Zeit des Unglücks, ihr Vater im Gefängniß, ihre Mutterkrank und im Elend. Da lernte die kleine Praxedes Hunger und Noth kennen, aberihr leicht zufriedenes, dankbares Gemüth lernte auch jede Freundlichkeit und Gabe mitdoppelter Freude hinnehmen, und immer, wenn ihre Noth am höchsten gestiegen, fandsie gute Menschen, die halsen. Praxedes vergaß ihre Freunde niemals, und oft tratensie ihr in einsamen Stunden wieder vor die Seele. Da war es vor allen ein jungerMann, welcher kurz vor der Rückkehr des Vaters der kranken Mutter geholfen, sie täglichbesucht und getröstet hatte, zu dem ihre Gedanken oft wanderten in dankbarer Liebe,und daß Leonhards blaue Augen denen des treuen Freundes glichen, das hatte ihrdiesen gleich so werth und vertraut gemacht. Kurz nach der Entlassung des Vatersstarb ihre Mutter, und Praxedes wandte nun ihre ganze Liebe dem Vater zu, welcher,ein gebrochener Man», ihrer so sehr bedurfte. Trotz des innigen Verhältnisses zwischenVater und Tochter, trotz der fast leidenschaftlichen Liebe des von Neue über sein ver-gangenes Leben weich gewordenen Mannes zu dem letzten, was ihm geblieben, zögerte erkeinen Augenblick, als die Gräfin von Schweitnitz sich erbot, seine Praxedes als Pflege-kind zu sich zu nehmen, sie ihr zu überlassen. Ohne zu verrathen, was es ihm kostete,brachte er der Dame sein Kind, verließ noch am selben Tage Wien , fuhr dem Mittel-meere zu und verschwand im Orient. Praxedes verlebte mit der Gräfin auf ihrem Gutein Schlesien friedliche Jahre, bis der Sohn der Gräfin, der viel in der Welt umherge-reist, mit ein paar Genossen seiner wilden Fahrten heimkehrte. Er faßte in kurzemeine heftige Leidenschaft zu der schön erblühten Praxedes und verfolgte sie, wo er siesah, mit den unverschämtesten Liebesanträgen. Das geängstigte Kind flüchtete sich unterden Schutz der Mutter; es kam zu heftigen Austritten zwischen Mutter und Sohn, undPraxedes ward zu einer Freundin auf einem dem benachbarten Gute geschickt. Dort sah sieLeonhard, und die jungen Herzen entzündeten sich schnell in gegenseitiger Liebe. DieGräfin war sehr glücklich, für ihr Pflegekind einen Beschützer zu finden, und da sie durcheinen Zufall ein Komplott ihres Sohnes mit mehreren Helfern entdeckte, wonach dieserPraxedes vom Gute entführen und mit Gewalt zu seinem Weibe machen wollte, schlugsie Leonhard vor, diesen: durch eine heimliche Heirath zuvorzukommen. Leonhard vonseiner Liebe ganz hingenommen, ging bereitwilligst darauf ein; sein einziges Bedenkenwegen des für Offiziere nöthigen Heirathskonsenses schlug die Gräfin mit der Versicher-