Nr. 23.
1883.
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„Augslmrger Posheituug."
Mittwoch, 21. März
N e L m rr t h l o s.
Eine Erzählung aus jüngster Zeit von Hermann .Hirschfeld(Fortsetzung.)
Mitleidig ruhte Alida's Auge auf ihrer Tante.
„Sie bereuen", sagte sie mild; „wohl Ihnen, daß noch der Strahl der ErkenntnißIhre Seele zu durchleuchten vermag, o halten Sie ihn fest, diesen Strahl, daß er IhrHerz gut und weich mache und ich verspreche Ihnen, den Theuren zu ersetzen, um dendas Kleid der Trauer Sie umhüllt und der schwarze Schleier Ihr Haar schmückt; dieZeit, die ich erübrigen darf im heiligen Dienst der leidenden Menschheit, ich, will sieIhnen-"
Wie abwehrend streckte Frau von Solmitz dem Mädchen die Hände entgegen.
„Nicht weiter, Alida, nicht weiter, Du zerreißest mir das Herz. Du weißt nichtAlles, was geschehen ist, seit Du von Solmitz flohest. Dein Kommen bringt neue Ver-wirrung in's Haus und ich bin abermals die Ursache. Wisse denn, Alida, Oscar, meinSohn» er lebt!"
Sprachlos starrte Alida in das Antlitz ihrer Tante; „er lebt, er lebt!" wieder-holten ihre Lippen mechanisch»
Dann aber, wie überwältigt von dem ungewohnten Glück, sank sie auf ihre Knieenieder und heiße Thränen überströmten ihr Antlitz.
„Allmächtiger Gott» wie reich machst Du nuch", drang es über ihre Lippen, wieein heißes Dankgebet, „nicht Alles sollte ich verlieren, was meinem Herzen theuer war."Dann, sich erhebend, fuhr sie fort: „O laßen Sie mich zu ihm, zu dem neu Gefundenen,mir neu Erstandenen, lassen Sie mich ihn sehen, daß ich das Wunder glaube."
„Du willst ihn sehen?" Schmerzlich zuckte es durch Frau von Solmitz Antlitz.„Alida, kennst Du nicht Oscar's Charakter? trotz aller Weichheit, aller Biegsamkeit, würdeer unerschütterlich in dem Entschluß sein, Dir das Erbe Deines Vaters zurückzugeben,unbekümmert, ob Du ihm entsagen wollest, oder nicht!"
„Das wird Oscar nicht thun", rief Alida eifrig, „er wird nicht als Almosen einGeschenk aus der Hand ansehen, die er einst würdig genug fand, als die Hand seinerGattin in die seine legen zu wollen, und die sich jetzt als treue Schwesterhand ihm ent-gegen streckt. Nun wird sein Herz nicht mehr von Zweifeln belastet werden, denn selbstjetzt, dessen bin ich gewiß, hat er Alida nicht vergessen, und glücklich werde ich sein inseinem Glücke, an jenem Tage, da ich Fanny von Ebersdorf meine Cousine nennen darf."
„Du darfst es, Alida", flüsterte Frau von Solmitz tonlos — „denn heute, viel-leicht in eben diesem Augenblick, bietet mein Sohn der Baronesse Herz und Hand —dort, blick hin, — dort sind sie." Starren Auges schaute Alida durch das Fenster; wieein Dolchstich schnitt es ihr durch die Seele, denn unten Arm in Arm, anscheinend intiefernstem Gespräch, schritten Oscar und Fanny von Ebersdorf eben vorüber und ver-schwanden um «ine Ecke.