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„Er hat mich rasch vergessen!" Wie ein schmerzlicher Hauch drang es über ihrLippen. —
Eine lange Pause entstand, in ängstlicher Spannung ruhten die Blicke Herminen'svon Solmitz auf Alida; konnte sie ihr enthüllen, welche neue Intrigue sie gewoben, umdem jungen Mädchen das Herz ihres Sohnes zu entfremden? Nein, sie durfte es nicht,sie fühlte, daß es die Ehre Aliden's gelte, sich in Oscar's Augen zu rechtfertigen, unddann schlich sich, wie ein nagender Wurm, zum ersten Male die Neue wie ein bitteresGefühl in ihr Herz und so klein, so verächtlich kam sich die sonst so stolze Frau, derWaise gegenüber, vor.
Alida war die Erste, die das Schweigen brach.
Die Freudenthränen, die sie vergossen, da sie vernommen, Oscar von Solmitz seidem Leben erhalten, sie waren versiegt und starr und trocken ihre Augen, todtenbleichihr Antlitz.
„Sie haben Recht", sagte Sie endlich, unter diesen Umständen dürfte Oscar jedeTheilung von sich weisen; es ist besser, er sieht mich nicht mehr, mein Anblick könnte ihmtrübe Erinnerungen in der Seele wecken; ich will zur Stadt zurückkehren und überlegen,wie ein Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden; ich kann ihm nicht Alles rauben, waser einst gehofft, sein eigen zu nennen. Sie sollen meinen Entschluß hören, für jetzt ent-scheide ich nichts; ohne meine Zustimmung darf Keiner die bestehenden Berhältnisse ändern.Und nun leben Sie wohl, gnädige Frau, lassen Sie um Leopold von Bernau willen unsscheiden ohne Groll, sagen Sie Oscar und Baronesse Fanny, daß ich sie segne und eshoffentlich einstens mir vergönnt sei, mich ihres Glückes zu freuen, wenn es ruhig undstill geworden — hier und hier."
Auf Haupt und Herz wies ihre Hand.
Frau von Solmitz streckte der Nichte die hageren Finger entgegen; sie waren eisigkalt und zitterten.
„Gehen Sie, Alida", sagte sie, und ihre Stimme klang fast tonlos, „und Gottlenke ihren Entschluß, Gott, der Sie segnen möge — und mir verzeihen."
Sie wandte sich ab, es war ein Rest des alten Stolzes, der sich in ihr aufbäumte;sie wollte Alida nicht die Thränen zeige», die ihren Augen entflossen, Thränen der Reue,Thränen der Scham.
Geräuschlos entfernte sich das junge Mädchen; nun schloß sich hinter ihr die Thür,sie war allein auf dem weiten, öden Korridor.
Der furchtbare Schmerz, den sie stumm getragen, da sie die Kunde der raschenVerlobung Oscar's vernommen, er zuckt« noch in unsäglicher Qual durch ihr Herz. Wohlwar sie stets bereit gewesen, seiner Hand zu entsagen, noch ehe sie das Familienbandkannte, das sie mit ihm umwob, und jetzt hätte es sie so glücklich gemacht, in schwester-licher Liebe die Freundin mit dem Vetter zu vereinen.
Aber, daß er sie so rasch zu den Todten werfen konnte, daß er eS nicht einmalder Mühe werth hielt, der Spur nachzuforschen, die ja leicht zu erkunden war, daß ersolche Eile hatte, seine Verlobung abzuschließen — das schlug ihrem Herzen die tödtlicheWunde, das wirkte wie ein betäubender Schlag, der ihre Geisteskraft zu lahmen drohte.Nur einen Gedanken vermochte sie zu fassen — nicht dem jungen Paare zu begegnen,das sie vom Fenster aus bemerkt hatte, ihr Anblick sollte ihn nicht mahnen, daß er nurallzurasch vergessen, was er ihr gelobt, ihr bleiches Antlitz ihm nicht als ein stummerVorwarf entgegentreten.
Mit der Oertlichkeit des Schlosses vollkommen vertraut, wühlte sie den entgegen-gesetzten Weg, den Oscar und Fanny von Ebersdorf eingeschlagen hatten, sie wollte vonder Hinterpforte aus durch den Park unbemerkt das Schloß verlassen.
Vorsichtig, aufmerksam auf jeves Geräusch, schlich sie dahin, wie mit Freundesaugengrüßten sie die Blumen, ihre Hand hatte sie gepflanzt, hatte sie genetzt, wenn die Sounen-gluth ihnen mit Verwelkung drohte; mit lustigem Schlag riefen ihr die Vüglein von den