Ausgabe 
(21.3.1883) 23
 
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Zweigen ein Willkommen zu, sie hatten sie lieb, das bleiche holde Kind, das sie erblühensahen von Jahr zu Jahr, wenn sie heimkehrten aus wärmeren Sphären zum Sommer desNordens; Alida verstand nicht die Sprache, der sie sonst so gern gelauscht; eine Fremdehatt« Hermine von Solmitz sie einst genannt, jetzt gehörte sie zum Hause, des GeschlechtesWohl und Wehe lag in ihrer Hand, und doch war's ihr, als sei sie nimmer hier so sremdgewesen als heute, als sei sie eine Ueberflüssige, Ausgestoßene, die nur gekommen, seinGlück zu zerstören und Verderben zu bringen. Weiter und weiter war sie gelangt undKeiner hatte sie bemerkt; nun war sie an jenem Ort, wo sie die treue, redliche Werbungdes Oberlieutenants vpn Alten abgewiesen hatte, um Oscar's willen; vor ihren Blickenlag crystallhell, von der Sonne bestrahlt, daß er schimmerte wie flüssiges Gold, der Teichund in des Pavillons Fenstern leuchtete eS im Widerscheine der Himmelskugel blitzendwie in tausend und abertausend Diamanten.

Ihr Fuß blieb wie gefesselt stehen, die Erinnerung überkam sie in ihrer ganzenMacht; aber neben der Vergangenheit schmerzlichen Bildern stieg die Zukunft noch düsterervor ihrer Seele auf.

So allein, so verlassen fühlte sie sich, wie noch nie. Wie wenig sie Oscar galt,das wußte sie jetzt; nur der Impuls des Augenblicks, nur das Bewußtsein des älterenRechtes an seiner Zuneigung, hatten ihn vermocht, ihr seine Hand anzubieten und seineschwache Seele war froh, sobald sie die Fessel löste.

O, hörte er nie mehr von mir", klang es in ihrer Seele,wäre ich allem Leidentrückt und droben bei meinen Eltern, dann wäre ja alles gut und Oscar unbestrittender Erbe.«

Und ist des denn so schwer, zu ihnen zu gelangen, ist's denn so schwer, den Friedenzu gewinnen, nach dem mein Herz sehnt?«

Wie ein düsterer Geist breitete ein furchtbarer Gedanke, der Hölle entstiegen, seineschwarzen Fittige über Alidens's Seele aus.Wenn ich todt wäre dann brauchte dieTante nicht mehr zu fürchten und Oscar nicht, selbst wenn er es annehme, ein Geschenkder Großmuth aus meiner Hand zu empfangen.« Sie starrte in die Tiefe, wie lachteund lockte es ihr entgegen, wie schön mußte es dort unten sein am Grunde zu liegenstill und starr, wie lindernd die dumpfe Schwere, die ihr das Haupt betäubte, wie eine

Last bedrückte. So seltsam war's ihr zu Muthe» ihr schien es, als streckten sich Geister-

hände hervor, aus der goldstrahlenden Tiefe ihr winkend, und leise Stimmen murmelten;Komm, komm«, tiefer neigte sie lauschend ihr Ohr so süß klang es, so lockend.

Ich komme, ich komme!«

Fräulein! Um Gotteswillen, Fräulein, was thun Sie?«

Die kräftigen Arme eines jungen Mannes, dessen etwas schleppender Gang einStock unterstützte, riß das halb bewußtlose Mädchen vom Teichrande hinweg.

«Erkennen Sie mich nicht?" fragte er» als Alida ihn groß und verwirrt anstarrte«Ich bin ja Paul Halse», der Solmitzer Müllerssohn. Vor einer Stunde langte ich,

von meiner Wunde geheilt, bei meinen Eltern an und zu meinem Jubel vernahm ich»

daß auch mein lieber, junger gnädiger Herr dem Leben erhalten geblieben. Da machteich mich auf, ihn zu begrüßen und wählte der Kürze halber den Parkweg, es war GottesHand, die mich leitete. Fräulein, Fräulein, noch einmal frage ich Sie, was wolltenSie thun?"

Eine elende, schlechte That, Paul, eine That, die mich dem ewigen Gerichte alsSchuldige überliefert hätte. Der böse Geist, der hinter dem Menschen steht, jeden Augen-blick bereit, den Staubgeborenen bei einer Erdenschwäche zu fassen, er hatte sich meinerbemächtigt und meine Sinne getrübt.

Nein, nicht von mir werfen will ich mein Dasein in eitlem Jammer, das ich derleidenden Menschheit gelobt. Die Hand Gottes, Du sprachst es aus, Paul Halsen, siewar es, die mich durch Dich vom Abgrund rettete; überwunden ist der Schmerz derSeele, überwunden die furchtbare Versuchung.«