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Paul blickte sie ängstlich an.
„Man kommt!" sagte er hastig, „ich bitte Sie dringend, lassen Sie sich so nichtfinden, Sie" sind bleich wie eine Leiche, ein Jeder würde aus Ihrem Antlitz lesen, daßetwas Ungewöhnliches hier vorgefallen. Kommen Sie in den Pavillon, sich einen Augen-blick zu erholen und Fassung zu gewinnen. Sie bedürfen ihrer, kommen Sie, ich bitteSie, theures Fräulein."
Willenlos, wie ein Kind, ließ Alida sich von dem getreuen Paul fortziehen; siefühlte sich einer Ohnmacht nahe, da sie auf des jungen Mannes Arm sich stützend denPavillon betrat und dort, bis zum Aeußersten erschöpft, auf das kleine Sopha sank.
Näher und näher kamen die Schritte.
Paul Halsen war nicht in geringer Aufregung; wenn man den Pavillon betretensollte —
Plötzlich schreckte das junge Mädchen empor; bekannte Stimmen drangen an ihrOhr, Oscar von Solmitz und die Baronesse Fanny von Ebersdorf waren die Kommenden.
Deutlich drang die klare melodische Stimme des jungen Mannes bis in das Inneredes Pavillons.
„Lassen Sie uns hier Platz nehmen, liebe Fanny", sagte er, „ich fühle mich etwaserschöpft und habe Wichtiges mit Ihnen zu rede», ehe mich die Pflicht in den Saal ruft,iHeine Unterschrift zu dem traurigen Akte zu geben, der meine» Oheim, Leopold vonBernau, zu den Todten wirft."
Auf die Bank unter den Fenster des Pavillons, auf der einst Alida gesessen, daEdmund von Alten ihr Herz und Hand angetragen, fließ sich das junge Paar nieder,vom goldenen Sonnenschein umstrahlt.
„Sie sehen, lieber Oscar, ich bin Ihnen willig gefolgt, da Sie mich um eine Unter-redung baten, jetzt reden sie frei und unbekümmert, denken Sie, eine Freundin, eineSchwester sei es, die Ihnen ihre ganze Seele öffnet; denn ich kenne Sie, nichts Böseskann es sein, das Sie mir zu vertrauen haben."
„Sie haben Recht, wie immer, Fanny", rief Oscar, „ja, gießen Sie Trost undBalsam in mein krankes Herz, daß es sich zu neuem Dasein erschließe."
„Armer Freund!" sagte das junge Mädchen leise, „Alida heißt die Wunde."
„Ja, Alida", rief Oscar stürmisch, „Alida die Vergangenheit und Fanny meineZukunft, aber wie beide Namen sich wie eine Kette in meiner Seele verknüpfen, so kannich auch jetzt mich noch nicht des Glückes der Zukunft freuen, ehe ich überzeugt, daß ichmit der Vergangenheit brechen darf. Fanny, die Tugend, die Aufrichtigkeit sind Sieselber, antworten Sie mir, was wissen Sie von Aliden's Verschwinden?"
Fanny seufzte. „Was ich nimmer geglaubt, hätte Ihre Mutter selber es nicht an-gedeutet. Nachdem der Oberlieutenant von Alten um ihre Hand geworben, habe sie,seiner Weisung folgend, plötzlich das Schloß verlassen, wahrscheinlich um sich zu seinerin Süd-Frankreich lebenden Schwester zu begeben. Die ersten Spuren deuteten daraufhin, später seien diese im Gewirr des Krieges verschwunden."
Wie ein erstickender Aufschrei klang es vom Innern des Pavillons, aber die jungenLeute draußen im Sonnenlicht achteten nicht darauf, zu ernst, zu wichtig war ihnen dasGespräch, das ihre Seele erfüllte.
„Ganz recht", entgegnets Oscar, „so ward auch ich berichtet, mehr noch, einBrief Eduard's, augenscheinlich nach Aliden's Verschwinden gefunden, ward mir vonStreland eingehändigt, der mich vollends überzeugen sollte. Und doch, Fanny, doch ver-mag ich noch nicht zu glauben. So hold, so rein, so treu steht Aliden's Bild vor nieinerSeele, daß ich erröthe, es mit einem häßlichen Fleck zu belasten."
„Hören Sie, was ich gethan; In diesem Augenblick befindet sich ei» treuer, er-gebener Freund bei der Schwester des Verunglückten, er soll prüfen, er soll forschen;täglich erwarte ich seine Antwort, Keiner, selbst meine Mutter weiß nicht, daß ich diesenSchritt gethan."