Ausgabe 
(14.4.1883) 30
 
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Nicht leer und eitel ist der Spruch:daß Tugenden und Laster mit derMuttermilch eingesogen wurden."

Schon Lucretius CaruS in seiner Naturgeschichte sagt mit Recht:Gar ofttragen die Enkel und Urenkel der Großvater und Urgroßvater Gestalten und Zuständean sich." Noch einige Zahlen zur Beweisführung. Nach einer Aufnahme von Landeswaren von 287 taubstummen Personen 79 von Geburt an taubstumm und davon ent-sprangen 24 aus Ehen zwischen Blutsverwandten. Howe berichtet uns von 17 unterden nächsten Verwandten geschlossenen Ehen. Aus diesen gingen zusammen 95 Kinderhervor» davon waren 44 Idioten, 12 Scrophulose, 1 taub» 1 zwerghaft und nur 37von erträglicher Gesundheit und Gestaltung. MoriS beweist, wie von 100 aus bluts-verwandten Ehen hervorgegangenen Kindern durchschnittlich 61^ Prz. schlecht constituirtund krank waren.

Auch geht leider die Neigung zum Selbstmorde von den Erzeugern auf dieErzeugten über, wie C. A. Dietz und Andere dies durch zahlreiche Beispiele darlegten.

In dieser Beziehung sind bei uns für die nächsten paar Dezennien die Aussichtenbezüglich der Selbstmordstatistik gewiß sehr trübe.

Kurz und gut ich wollte nur darthun, daß gar Viele, die man Wohlgeborennennt, dies bei weitem und leider! nicht sind und nie gewesen sind. Trotzdem wirddiese Sitte der Wohlgeborenheit-Titulatur fortdauern, wie auch die Sittedes Hutabnehmens bei Sturm und Ungewitter und wenn auch Rheuma und Ohren-reißen diese letztere höfliche Gewohnheit vielfach verleiden! Uebrigens habe ich dieEhre, mich den wirklichWohlgebornen" Lesern bestens zu empfehlen. Nichts für ungut!

Miseellen.

(Eine wenig bekannte Beethoven-Anekdote) wird in derRevue Arti-stique" von Brüssel erzählt: Paör hatte seine OperLeonore" in Wien zur Aufführunggebracht, welche ein Sujet enthielt, das Bouilly zuerst bearbeitet hatte, und welches nach-träglich für denFidelio" diente. Beethoven hatte der Paör'schen Aufführung beigewohnt.Beim Verlassen begegnete er dem Autor, schüttelte ihm die Hand und sagte ihm in seinergewohnten Gradheit:Ihre Oper gefällt mir sehr gut; ich habe Lust, sie in Musik zusetzen" .... So entstandFidelio."

(Die höchste Zeit.) An der Nandolph-Straße in Chicago wurde kürzlich ineiner dunkeln Nacht ein Mann von zwei Räubern angehalten, die ihn fragten wie vielUhr es sei.Zündet ein Streichhölzchen an, damit ich nachsehen kann," sagte der Mann.Als das Streichholz brannte hatte er auch richtig die Uhr in der Hand, aber quer überdem Zifferblatt lag ein eklich aussehender Revolver. Es ist jetzt anderthalb Sekundenbis 11 Uhr," sagte er,und ihr habt gerade anderthalb Sekunden Zeit zu verduften,ehe es anfängt zu schlagen." Sie verdufteten.

In einem Berliner Gymnasium passirte dem Cultusmini ster neulich bei einemBesuche desselben ein hübscher Scherz. Er fragte nämlich einen kleinen Sextaner, ob erauch schon spare.Jawohl," lautete die Antwort. Und was machst Du mit dem Gelde?"forschte der Minister weiter.Dafür kaufe ich mir Sonntags Bonbons," antworteteprompt der kleine Kerl. Direktor und Lehrer wurden verlegen, der Minister aber lachte.Die Theorie der Schul-Sparkaffen schien ihm dadurch etwas erschüttert.

(Ein gefährliches Leiden.) Ein alter französ. Richter, der sich stets einereisernen Konstitution rühmte, kam zu einem Arzt.Sie hier?"Ich bin ein wenigbeunruhigt über meinen Gesundheitszustand, lieber Doktor".Ä?o sitzt denn das Uebel?Im Kopf, im Magen?"Nein, das ist Alles in Ordnung, aber in letzter Zeit litt ichwährend Gerichtsverhandlungen häufig an Schlaflosigkeit."

Tür die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg . Druck und Verlag des

Literarischen Instituts von Dr. Max Huttler,