„Es ist mir eine große Freude» Waldemar, Dich endlich hier zu sehen — —"
„Auch ich freue mich, Großmutter, nun für immer in Steinhorst zusein", erwidertelebhaft der junge Mann, „bedaure aber, durch Deinen letzten Brief erfahren zu haben,daß Du Dich nicht so wohl wie sonst befindest!"
„Es ist das Alter, mein Sohn, das nun auch für mich kommt, und dem ich nichtlänger zu widerstehen vermag", antwortete mit leichrem Nachdruck die Gräfin.
„Ich werde Dich mir nie als alt vorstellen können, Großmutter", meinte der Graf,„da ich Dich bisher nur als eine thatkräftige Frau gekannt!"
„Die werde ich, nun Du als Herr und Besitzer zurückgekehrt bist, nicht mehrbleiben", versetzte die Gräfin in entschiedenem Ton.
„Du wirst mir doch wenigstens mit Deinem Rath zur Seile stehen und Deine Er-fahrungen zu Gute kommen lassen", fuhr ihr Enkel fort.
„Ja, so oft Du Beides in Anspruch nimmst", entgegnete zurückhaltend seine Groß-mutter, die vielleicht eine andere Erwiderung erwartet.
Der junge Mann fühlte sich durch den Ton dieser Antwort verstimmt, wandte sichmit einigen theilnehmenden Worten an seine Tante und Cousine, und begab sich dannin sein Zimmer, um nach der langen Tag- und Nachtreise seinen Anzug zu ordnen.
Sie betretend entdeckte er, daß sie vollständig renovirt waren, dennoch fand ersämmtliche Gegenstände vor, die ihm als Knabe lieb und werth gewesen. Umherblickendsagte er mit tiefem Gefühl:
„Wie gut meine Großmutter ist, und wie liebevoll sie für mich gesorgt! — Den-noch aber — dennoch habe ich schon den Ton hören müssen, der mich früher so oft ver-letzt, ich, der ich hier als Gebieter auftreten soll, wo sie so lange unumschränkt geherrscht!"
Er ging an's Fenster und blickte auf den wohlgopflegteu Garten des Herrenhauses,an dem die Landstraße vorüberführte, jenseits welcher eine größere Buchenholzung lag,und sagte nach einigen Minute» ernsten Nachdenkens:
„Seltsam — ja, seltsam, daß, kaum angekommen und mein Haus betreten, auchschon die Sorgen für mich angehen, wenn sie vor der Hand auch nur darin bestehe»,baß ich meine Großmutter nicht erzürnen darf und will, die, wie ich sie kenne, nie ganzdas Scepter aus ihrer Hand legen wird, das sie so lange mit Umsicht und Erfolg geführt!"
Sich umwendend fiel sein Blick auf den Bücherschrank, den er noch am Tage vorseiner Abreise geordnet hatte. Plötzlich belebten sich seine Züge, seine Augen leuchteten,er öffnete schnell die Thüre, und zog eben so schnell aus den Reihen, die meistens nochSchulbücher enthielte!:, einen Band hervor, welcher als „Sammlung Gedichte" bezeichnetwar. In diesem begann er zu blättern und nach Etwas zu suchen, was er indeß baldgefunden. Es waren mehrere durch einen Grashalm verbundene Vergißmeinnicht, die erzwischen den Blättern hervornahm, sie lange betrachtete, und sie zurücklegend ohne jedochdas Buch zu schließen, sinnend sagte:
„Sie hat mir diese eines Sonntagnachmittags, als wir alle im Walde spazierengingen, geschenkt. Es waren die Ersten, die wir gefunden — sie bekam dieselben vonmir — und wir nahmen uns vor, sie, so lange wir lebten zu verwahren! — Ob sie esgethan? Ob sie sich auf meine Ankunft freut? — Sie soll ein schönes Fräulein gewordensein, während ich sie mir nur als Anna Herfeld gedacht, die im Hause ihres Großvatersmir eine so liebe Gefährtin gewesen! — Jedenfalls werde ich sie wiedersehen — baldschon wiedersehen." —
Es ward an die Thüre geklopft; ehe er antwortete, stellte er das Buch in denSchrank zurück und verschloß die Thür, und der eintretende Diener richtete von der Gräfindie Bestellung aus, wann der Herr Graf zum Abendessen kommen würde?
„In einer Viertelstunde bin ich unten", antwortete dieser, worauf der Diener sichentfernte, er aber an seine Toilette ging, die er schnell beendete.
Im Wohnzimmer erschien er mit verschiedenen Packeis», Geschenke für seine Groß-mutter, Tante und Cousine enthaltend. Sie wurden von den Letzteren dankend in