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Empfang genommen, und auch die Gräfin nahm freundlich die kostbare Seidenrobe ent-gegen, die ihr Enkel aus Frankreich mitgebracht, wußte sie doch den Summen nach, dieer vom Verwalter erhalten, daß er das Geld dazu seinen Vergnügungen entzogen.
Das Abendessen verlief unter lebhaftem Gespräch; es gab für Alle zu fragen, zuantworten und zu berichten, denn der zwar regelmäßige Briefwechsel hatte der Lücken soviele gelassen. Auch die nächste Zukunft ward besprochen, doch nur in Bezug auf dieOberleitung der Gutsangelegenheiten, die in Graf Waldemar's Hände übergehen mußte.
Ermüdet von der langen Reise zog er sich frühzeitig zurück, die Gräfin aber, ihreTochter und Enkelin begaben sich in den Wohnsaal, wo sie kaum Platz genommen,als Erstere sagte: „Wie ähnlich ist Waldemar seinem Vater geworden! — Ich mußteihn mehrfach darauf ansehen —"
„Mir ist dies ebenfalls aufgefallen", entgegnete Frau von Stern, „doch zeigtWaldemar's Auftreten und Benehmen eine weit größere Selbständigkeit als unserm ver-storbenen Adolf eigen war.
„Eine Folge Deiner Erziehungsweise, Großmama", meinte Fräulein Constanze ausderen lebhaften braunen Augen der Schalk blickte.
„Wenigstens habe ich Sorge getragen, mein Kind", antwortete mit Nachdruck dieGräfin, „daß er sich die für seine Lebensstellung erforderlichen Kenntnisse erworben!"
„Er wird hier bald genug als Gebieter schalten und malten", bemerkte mit einembedeutungsvollen Blick Frau v. Stern.
„Ich weiß, worauf Du hindeutest, Caroline", erwiderte verstimmt ihre Mutter.„Du meinst wahrscheinlich ich hätte das Fest für die Gutsleute nicht gestatten sollen. Erbestand aber, wie Du auch gehört, mit solcher Entschiedenheit darauf —"
„Ein Beweis meiner Worte", unterbrach ihre Tochter.
„Hier muß ich Waldemar in Schutz nehmen", fiel Fräulein Constanze ein, „undfinde es natürlich, daß er den Leuten, die ihn freundlich begrüßt, und auch schon alsKnaben gekannt, als Gutsherr eine Freude bereiten will!"
„Das ist sehr sentimental von Dir gedacht, Constanze", sprach die Gräfin. „O,laß sie ihm erst durch Fleiß und Thätigkeit ihre Anhänglichkeit beweisen!"
„Dazu müssen sie doch auch eine Ermuthigung haben, Großmama — —"
„Durch Essen und Trinken und eine Tanzbelustigung, welche die Nacht hindurchwährt, und nach welcher sie am folgenden Tag zur Arbeit unfähig sind?" fragte instrengein Ton die Gräfin.
„Waldemar kann nur einmal seinen Einzug als Gutsherr hier halten!" versuchteihre Enkelin sie zu besänftigen.
Frau von Stern kam einer Antwort ihrer Mutter zuvor, indem sie sagte:
„Ob Waldemar in der Nachbarschaft Besuche zu machen gedenkt?"
„Er will zunächst nach Steinhagen und Schönau fahren", erwiderte ihre Mutter.
„Und da als Gutsherr Einzug halten und Feste geben?" fragte mit kölnischemErnste Fräulein Constanze.
„Kind, scherze doch nicht mit so ernsten Dingen!" zürnte ihre Großmutter. „Ichwerde ihn übrigens nicht nach seinen Absichten fragen, und hoffe auch, daß er sich meinenRath nicht einholen wird!"
„Sollte er wohl Förster Kohring wieder aufsuchen?" fuhr Frau v. Stern fort»welche die Försterfamilie von Vahrcnwald dem Namen nach kannte.
„Wir können es nicht hindern", antwortete fast finster die Gräfin, „dennoch wäremir die Erneuerung dieser Bekanntschaft, die ich leider damals selbst angebahnt, keinen-salls angenehm.
„Zumal, wie Du sagst, Anna ein sehr schönes Mädchen geworden ist", fuhr Frauvon Stern fort.
„Ja, sie ist sehr schön geworden, ich habe sie noch kürzlich in der Kirche darauf