Ausgabe 
(6.6.1883) 45
 
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angesehen. Sie hat sich seltsam schön entwickelt, als Kind war sie nicht einmal hübsch zunennen"

Ich möchte diese Waldfee wohl einmal sehen", sagte Fräulein Constaitze, die eben-falls ein hübsches Mädchen war, und ihrem Vetter auffallend glich.

Das ist nur in der Kirche möglich", entgegnete die Großmutter und fügte mitleichtem Spott hinzu,oder Du müßtest sie schon im Försterhause aufsuchen."

Daran ist natürlich nicht zu denken"

Nein, Constanze", entschied mit scharfer Betonung Frau von Stern,daran istnicht zu denken I Gleichfalls erwarte ich von Dir, daß Du der Waldfee, wie Du desFörsters Enkelkind benanntest, in Waldemar's Gegenwart nicht erwähnst. Er wird sieohnehin wiedersehen, und wer weiß wer weiß, ob sie nicht für uns Alle, besondersaber für Deine Großmutter die Ursache großen Aergernisses wird!"

XVI.

Im Försterhause war durch Waldemar selbst bekannt, daß er zu Ende Mai in dieHeimath zurückkehren werde, und hatte er dieser Mittheilung an den Förster hinzugesetzt,daß sein ehemaliger Zögling sich erlauben werde, ihm und seiner Familie seinen Besuchabzustatten. Der Sache war seitdem nicht wieder erwähnt worden; eines Tages aberkam Kohring aus dem Walde heim, und.Nichte und Enkelin aufsuchend, welche Beidemit Handarbeiten beschäftigt vor der Thüre saßen, sagte er, neben ihnen Platz nehmend:

Nun ist endlich der Graf auf Steinhorst angekommen. Ich habe es von demVerwalter, den ich an der Grenze getroffen, erfahren!"

Der junge Gutsherr ist also da?" entgegnete Frau Albrecht, indeß Anna, dieihren Großvater unbefangen angeblickt, ruhig weiter arbeitete.Ohne Zweifel ist dieGräfin sehr erfreut darüber"

Das ist wohl keine Frage, nachdem sie ihn so lange nicht gesehen! Sie hatübrigens den Besuch ihrer Tochter und Enkelin-"

Ich bin neugierig den Grafen wieder zu sehen", bemerkte Anna im gleichgültigstenTon.Er wird sich wohl sehr verändert haben-"

Der Verwalter hat ihn mir als einen kräftigen jungen Mann beschrieben, undwas mich ebenso sehr freut, soll er thätig und rührig sein, sich schon mit Eifer der GutS-verwaltung widmen!"

Diese für Steinhagen und Schönau eingeschlossen, gewährt ihm wohl genügendeBeschäftigung?" fragte Frau Albrecht.

Ja, ungeachtet der sehr zuverlässigen Verwalter! Er wird auch überall mancheszu ändern und zu verbessern finden-"

Hast Du Frau von Stein und ihre Tochter schon gesehen, Großvater?" fragteseine Enkelin.

Nein, mein Kind, noch nicht! Letztere soll in Deinem Alter sein und mit Gra,Waldemar sehr große Ähnlichkeit haben!"

Hier ward Anna einer häuslichen Angelegenheit wegen von Christine begehrt undkaum war sie außer Hörweite, als ihre Tante sagte:

Onkel, ich kann Dir nicht verhehlen, daß ich dem Besuch des Grafen, den ernatürlich wiederholen wird, mit einiger Besorgniß entgegensehe!"

Mit Besorgniß, Wilhelmme?" fragte ganz arglos der Förster.

Ja, in Bezug auf unsere Anna-"

Wie? Du meinst doch nicht gar"

Wäre es denn ein Wunder, wenn die Zuneigung, welche sie vor sechs Jahrenzu einander empfunden, wieder in ihnen erwachte-"

Wilhelmine, Wilhelmme, erinnere mich nicht an vergangene Zeiten!" unterbrachhalblaut und mit schmerzlicher Stimme der Förster.Soll sich ein ähnliches Unglück,vielleicht in etwas veränderter Gestalt wiederholen? Soll denn meine Enkelin, dasKind meiner armen, unvergeßlichen Tochter-"