Ausgabe 
(29.12.1883) 104
 
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Das würde einen gesunden, kräftigen Mann in Ihren Jahren nicht so anstrengen."

Meinen Sie?"

Erlauben Sie doch, Ihren Puls hm, hm, sehr aufgeregt; IhreZunge sehr belegt! Ihr Magen scheint nicht in Ordnung zu sein "

Ich habe Hunger, wie ein Wolf!"

Falscher Appetit! Sie würden nicht zwei Bissen hinunterbringen."

Das wollen wir doch probiren I"

Bei Leibe nicht! nicht einen einzigen Bissen nehmen Sie! Es scheint eine be-deutende .Krankheit im Anzüge vor deren Ausbruch nur die strengste Maßhaltung inSpeise und Trank Sie schützen kann."

Glauben Sie wirklich, Doctor ?"

Es ist, wie ich sage, der Krankheitsstoff hat sich angesammelt. Wir müssen ihnfortzuschaffen suchen, bevor er sich auf einzelne Theile wirft."

Wodurch aber?"

Auf hydropathischem Wege, den uns schon der alte Pindar angedeutet hat, indemer sagte, das Wasser sei das Beste. . . . Johann, schnell an den Brunnen, die Karaffedort voll Wasser."

Was soll aber aus der Schnepfe, dem Seekrebs und den Austern werden?"

Gesellschaft angenehme Gesellschaft ist freilich beim Essen die beste Würze, wasaucb die alten Griechen und Römer schon anerkannten. Aber Ihre Gesundheit, liebsterFreund, Ihre Gesundheit geht mir über Alles. Thut mir sehr leid, daß ich nun alleinspeisen muß!"

Herr Goldschmidt ließ nun geduldig über sich ergehen, was der Doctor anordnete.Auf dem Sopha ward ein Bett gemacht, derKranke" mußte sich niederlegen, Johannbekam den Auftrag, seinem Herrn alle zehn Minuten ein großes Glas Wasser einzu-schenken und darauf zu achten, daß er es bis zum letzten Tropfen ausklinke. Nachdemdann der Doctor Faust der Madame Mähler hatte sagen lassen, daß er bet einemPatienten aufgehalten werde und sie ihn erst zum Nachtessen erwarten dürfe, setzte derSchalk sich behaglich zum Essen nieder. Die Speisen waren vortrefflich und unserDoctor durfte sich rühmen, ein Kenner zu sein. Er pries den Wohlgeschmack und dieZartheit der Austern. Mit stillem Neide sah der Kranke zu, wie mit lüsternem Mundefein Gast nun , auch den köstlichen Seekrebs verzehrte und als jetzt die Schnepfe an dieReihe kam, stieß der Patient die herzbrechendsten Seufzer aus.

Wie ist es? Was macht der Magen?" fragte Doctor Faust theiluehmend.

Ach, ich bin so hungrig!" seufzte der Kranke.

Einbildung! Wenn Sie essen wollten, würden Sie sogleich der schlimmsten Folgeniuue werden, die Ihr Leben in Gefahr brächten."

Versuchen wir es mit einigen Austern."

Unter keiner Bedingung; den kleinsten Bissen darf ich Ihnen als Arzt nicht ge-statten. Wenn Sie gegen meinen Rath handeln, dann machen Sie sich auf das Schlimmstegefaßt! - "

Während dieser Rede bewegten sich die Kinnladen des Doctors mit wachsenderGeschwindigkeit: ein Stück Schnepfe nach dem anderen verschwand. Als sie ganz ver-tilgt war, wischte er sich in aller Ruhe den Mund ab, nahm seinen Hut, empfahl deinKranken noch einmal, die Wassercur fleißig fortzusetzen und ging, nachdem er sich höflichverabschiedet hatte.

Hat der Doctor gar nichts übrig gelassen? Sieh' einmal nach, Johann!"

Doch, die Schnepfenknocheu und die Schalen des Krebses; die kann man abernicht essen!" erwiderte dieser trocken.

Der Kranke suchte seinen Verdruß durch ein weiteres Glas Wasser hinuuterzu-spülen. Nachdem er noch einige Zeit auf seinem unbequemen Lager in trüben Gedanken