Ausgabe 
28 (5.1.1868) 1
 
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»irrigen Augenblicken ängstlicher Beobachtung wurde es dem Capitän klar, daß sie wiedernäher komme.

Noch ein Opfer blieb zu bringen übrig, mit schwerem Herzen ging er daran, dieKanonen mußten den Weg der Kaufmanns - Waaren nehmen.Die Kanonen in'sMeer!" rief er mit einer Stentorstimme;es muß sein, Freunde!" setzte er hinzu,siehindern unsere Flucht und nützen unserer Vertheidigung doch nichts."

Man gehorchte schweigend. Als Lucy vermuthete, der Capitän könne sich von derWirkung dieses letzten Mittels überzeugt haben, fragte sie anscheinend ruhig:Washalten Sie von unserer Lage?"

Gewiß ist sie nicht glänzend, aber ich gebe die Hoffnung noch nicht auf.""

Die Gefahr ist also nicht ganz unvermeidlich? Verstehen Sie mich wohl, ich willdie Wahrheit hören, keinen eitlen Trost."

Auf Ehre, ich habe noch einige Hoffnung.""

Ich glaube Ihnen und danke Ihnen," sagte Lucy sich entfernend.

m.

Zwei Stunden hatte dieser Wettlauf schon gedauert und noch war die englischeFregatte dem Dreimaster nicht auf Schußweite nahe gekommen, so daß ihre Salven ihnnoch immer nicht erreichten. Jede neue Ladung wurde daher nur mit Hohnlachen be-grüßt.Schlecht gezielt, ihr Herren!"Nicht so sehr, sie machen ja den Fischenden Krieg."Sie wollen sich nur ein wenig einüben."Verwünschte Goddcm!Wären unsere Kanonen nur nicht auf dem Meeresgrund wir wollten euch antworten,wie sich's gehört." So ging es fort, denn das Seemannslebcn ist ein Leben vollerGefahren und macht gegen dieselben stumpf.

Der Tag verging, ohne daß Jemand das Verdeck verließ. Natürlich nahm auchLucy den lebhaftesten Antheil an dieser entsetzlichen Jagd, aber sie blieb immer ruhigund gefaßt und Capitän Borschel konnte ihr seine Bewunderung nicht versagen.

Endlich kam die längst ersehnte Nacht und hüllte Alles in tiefes Dunkel. DieMannschaft auf Maria-Hilf athmete wieder auf. Alles begab sich zur Ruhe undLucy schickte noch ein inniges Dankgcbet zum Himmel.

Am andern Morgen war keine Spur von der englischen Fregatte mehr zu sehen,und der Capitän rief Lucy schon von Weitem zu:Morgen laufen wir im Hafen vonBordeaux ein; leider werden wir mit dem Ausladen schnell fertig sein!"

Wie immer geschieht nach der Gefahr, bereute jetzt der Capitän die Opfer, die ergebracht, doch tröstete er sich bald bei dem Gedanken, seine Frau und seine Kinder wiederzu sehen. In seiner Herzensfreude gewahrte er es kaum, als die junge Creolin sich vonihm verabschiedete, während er die Seinen in die Arme schloß.Wie glücklich er ist!"sagte sie zu sich selbst,seine Ankunft macht die Deinigen glücklich Mich erwartetNiemand; was werde ich in diesem Lande erfahren müssen!"

Auf Mela's dringendes Bitten gönnte sich Lucy in Bordeaux einige Tage Ruhe.Nur ein Gedanke beschäftigte sie und von demselben hing ihre ganze Zukunft ab. Indieser Stimmung war es begreiflich, daß sie nicht aufgelegt war» sich durch den Augeneschein zu überzeugen, ob Capitän Borschel seine Geburtsstadt allzu sehr gepriesen. Si-vcrließ ihr Hotel nicht, bis sie in den Wagen stieg, der sie mit möglichster Eile nachdem Ziel ihrer Reise führen sollte.

Vier Tage nach ihrer Landung war sie in Digne; es war Nachmittag und dieHitze unerträglich. Der Postillon fragte Lucy, wo sie abzusteigen gedenke, im WeißenHirsch oder im Goldenen Löwen. Ersterer meinte er, sei bei Weitem vorzuziehenwegen seiner vortrefflichen Küche, was gar nicht zu verwundern sei, da die Wirthinlange Zeit Köchin im Schloß Vericourt gewesen war. Er hätte noch beifügen können,daß, so oft er Fremde hinführe, die Wirthin ihm Gelegenheit gebe, ihre Kochkunst zu