Prüfen; aber er unterließ cS, vielleicht weil er sein Urtheil nicht für maßgebend hielt. —Wie dem auch sei, die Fremde, die Anfangs ganz gleichgültig über die Wahl war,wollte plötzlich in den „Weißen Hirsch," zur großen Freude unseres Postillons.
Frau Goulard, die dicke Wirthin, eilte den Reisenden entgegen, und führte sie inihr bestes Zimmer; der Postillon rühmte die Freigebigkeit der Fremden und erzählte wirer Mühe gehabt, sie für den „Weißen Hirsch" zu bestimmen.
„Schön, schön," sagte Frau Goulard, „geh' nur in die Küche und laste Dir'sschmecken. Du weißt schon, ich bin nicht undankbar."
Während Mela sich mit dem Ordnen des Gepäckes beschäftigte, und der kleine Georgvor Ermüdung eingeschlafen war, sing Lucy ein Gespräch niit der dienstfertigen Wirthinan; sie befragte sie über die Gegend und welche Gesellschaft sie wohl finden könnte,wenn sie gedächte, sich hier niederzulasten. Jetzt war Frau Goulard im Fahrwasser, siekannte einige Familien aus der Nachbarschaft, die oft bei Döricourts auf Besuch waren,und sie überlegte schon, wie ein solcher Entschluß den Aufenthalt der Dame bei ihrverlängern müsse. Sie sagte daher: „Gewiß hätte sich die gnädige Frau an NiemandGeeigneteren wenden können; ich weiß mehrere Landhäuser, die für Sie ganzpaffend wären."
„Ich bin noch nicht fest entschlossen," erwiderte Lucy, „aber ich sehe vorzüglichdarauf, eine meinem Geschmack entsprechende Gesellschaft zu finden."
„Ganz natürlich, und es läßt sich leicht errathen, welcher Art diese sein müßte. Daist einmal das Schloß Assas, vor der Revolution waren die Herren reich, aber jetzt sindsie sehr herabgekommen, dann die d'Apremont, sie haben auch viel verloren, machen aberimmer noch ein Haus, die werden der gnädigen Frau gewiß zusagen!"
Die Fremde hörte mit schlecht verhehlter Ungeduld zu und fragte mit einiger Auf-regung: „Und wer ist sonst noch da?"
„Weit über alle steht an Ade! und Reichthum die Familie Vtzricourt, meine ehe-malige Herrschaft."
„Ich glaubte, die Familie sei ausgestorbcn," sagte die Dame mit zitternder
Stimme.
„AuSgestorben? nein, Gott sei Dank, und hoffentlich wird sie es auch nicht so bald."
„Ich hörte doch ..."
„Ach ja, ich begreife jetzt, was den Irrthum veranlaßte, und wenn es die gnädigeFrau nicht langweilt ..."
„Fahren Sie fort," sagte Lucy kurz.
„Die Frau Gräfin Vöriconrt hatte einen sehr reichen Onkel in . . . in . . . ichweiß den Namen nicht mehr, das thut nichts zur Sache, aber es war sehr weit und
man mußte lauge auf dem Meer fahren. Da kam ein Brief, der Onkel sei todt und
sie sei die Erbin seines Vermögens, es solle jemand Vertrauter kommen und die Erb-schaft schlichten. Die Frau Gräfin ist aber sehr mißtrauisch und so schickte sie ihren
einzigen Sohn Georg, und wenn sie auch beim Abschied weinte, so tröstete sie sich dochbald mit dem Gedanken, es sei für sein Glück. Es verging ein Jahr, zwei Jahre,Herr Georg schrieb immer, seine Geschäfte seien nicht beendigt; seine Mutter ward übersein Ausbleiben ärgerlich und schrieb, er solle trotzdem kommen, da hörte man lange garnichts mehr. Die Frau Gräfin war von einem Humor — nicht zum Aushalten, sodaß ich mich entschloß, den armen Goulard zu hciraihen. Sechs Monate später erfuhrman, daß sich der junge Herr auf dem Schiffe „Heinrich" einschiffen wolle. Wiekann man auch nur den Namen eines Christeumcnscheu so einem schwimmendenHaus geben!"
„Und weiter?" sagte Lucy ungeduldig.
„Da war nun große Freude eine Zeit lang, aber Herr Georg kam iwmrr nicht,nud die Mutter vermuthete schon, er sei ziicht abgereist, als eines Tages — ich war