zufällig auf dem Schloß — die Krau Gräfin, die eben beim Frühstück war, einen Schreiausstieß und ohnmächtig zu Boden siel, ein Zeitungsblatt in der Hand haltend. Schnellholte man den Arzt, aber sie konnte nach acht Tagen das Bett noch nicht verlassen. —Bald erfuhren wir die Ursache; die Frau Gräfin hatte in dem Blatt die Nachricht ge-lesen, daß der „Heinrich," der vor drei Monaten von . . ., ich weiß den verwünschtenNamen nicht, abgesegelt war, mit Mann und Maus zu Grunde gegangen sei. Daswar ein Jammer, man fürchtete, die Gräfin möchte den Verstand verlieren, denn sieglaubte Schuld an seinem Tode zu sein. Da kam eines Morgens Herr Beaupro, unser, Pfarrer, mit wichtiger Miene und ließ sich melden, obwohl es erst sieben Uhr war. Ertheilte der Gräfin behutsam die freudige Nachricht mit, daß der junge Herr nicht gestor-ben, sondern sich mit einem andern Matrosen gerettet habe, daß es ihnen sehr schlechtgegangen, haß er aber jetzt schon in Marseille sei und bald kommen werde. — WelcheFreude, als sie des andern Tags ihren Sohn umarmte! Aber wie sah er aus! Bleich,abgemagert zum Erschrecken, aber wir waren doch Alle glücklich."
(Fortsetzung folgt.)
Ein Bild des Elendes.
(Aus dem Acrlcktssale.)
Aus Prag , 30. December, wird geschrieben. Es ist in der That erschreckend, z«welchen Verbrechen die bittere Noth den Menschen mitunter verleitet. Die Schlußverhand-lung, welche heute beim hiesigen Landesgericht durchgeführt wurde, zeigte, daß die Nothauch das natürlichste aller Gefühle, das der Mutterliebe, zu ersticken vermag. AntoniaChwatlina ist die 33jährigc Gattin eines Schusters in Kaiserkuchcl, Bezirk Bömisch-Brod. Ihr Mann konnte wegen eines Augenübels sein Gewerbe nicht ausüben und ver-griff sich an einigen Federbettstücken seines 'Nachbars. Um sich der gerichtlichen Verfolgungzu entziehen, verließ er die Gegend und versetzte damit seine Familie in eine trostloseLage. DaS arme Weib, welches gerade damals (um Jacobi d. I.) die Wohnung räumenmußte, war nicht im Stande, im ganzen Dorfe ein neues Quartier zu finden. DieUnglückliche war genöthigt, auf dein Gemcindeplatze unter einer Pappel aus Brettern eineBude aufzustellen und in dieser fünf volle Wochen mit ihren drei Kindern zuzubringen.Das tägliche Brod erwarb sie, indem sie als Taglohnerin 30 kr. ohne Kost erhielt.
Mittlerweile war heftiges Regcnwettcr eingetreten, und die Chwatlina übersiedeltei mit ihren Kindern in eine im Baue begriffene Baeakc, aus welcher sie aber bald vcr-
I wiesen wurde, so daß sie abermals unter freiem Himmel ihr Lager aufschlagen mußte.
In dieser verzweifelten Lage entschlüpften ihr oft die Worte, sie würde sich oder ihre»
! Kindern, bald der Toni, bald wieder dem Franz und bald dem kleinen Wenzel das Lebennehmen. Manchmal forderte sie auch die Toni auf, den zweijährigen Wenzel ins Wasserzu werfen, ohne daß sie jedoch jetzt bestimmt angibt, ob sie es ernstlich meinte oder nicht-Das unschuldige Kind nahm den Befehl der Mutter nicht für baare Münze; auch war ihm,wie es selbst sagt, um des liebe Brüderchen leid. Als aber die Mutter eines Abends/ ihren Auftrag unter Androhung von Schlägen wiederholte, da ergriff das neunjährige. Töchterchen Angst. Am nächsten Morgen, den 15. Qctobcr d. I., bereitete die kleine^ Toni das aus einigen Erdäpfeln bestehende Frühstück und schickte der Mutter, welche! schon zeitlich früh aufs Feld mußte, ihren Antheil durch den Franz, ihren 8 Jahre alten
^ Bruder. Darauf nahm sie den kleinen Wenzel auf den Arm, trug ihn zu einem beim
Walde befindlichen Wasscrtümpel und warf ihn unter Thränen hinein; sie stand so langeam Ufer, bis das Kind keine Bewegung mehr machte. Als Franz der bedauernswerthcnMutter die Nachricht von Toni'S That hinterbrachte, wollte die Arme daran nicht glauben.
Die Sache wurde selbstverständlich bald ruchbar uud Antonic Chwatlina gefänglich' eingezogen; der gerichtsärztliche Befund lautete dahin, daß der kleine Wenzel in Folge