Nr. S.
12. Januar 1868,
Wenn ein Bück deinen Geist erhebt und dir eine edle und kräftige Gesinnung einflößt,so suche keine andere Regel, um das Werk zu beurtheilen: es ist gut und von geschickter Handverfaßt. Jean Paul .
Rache und Liebe.
(Fortsetzung.)
„Also," sagte die Fremde, die mit schmeichelhafter Aufmerksamkeit der geschwätzigenWirthin zugehört hatte, „ist er seit achtzehn Monaten hier."
,,yab' ich das gesagt? Ich wußte es gar nicht mehr. Jetzt erfuhren wir erst,warum die Gräfin so sehr auf die Rückkehr gedrungen hatte; sie wollte ihn verheirathen."
„Ah!"
„Mit Fräulein d'ÄPremont, das merkten wir bald. Die beiden Familien warenimmer beisammen, die Gräfin behielt Fräulein Paulinc ganze Wochen im Schloß, undwenn sich zwei junge Leute so oft sehen, da bleibt die Liebe nicht aus. Zudem warFräulein Pauliue reizend und Jedermann sagte, er könne gar nicht besser wählen."
„Aber," rief die junge Crcoliu lebhaft, „er hat sie doch nicht geheirathet!"
„Was, nicht geheirathet! Ja freilich, schon vor einem Jahr!"
„Geheirathet! sagen Sie," rief Luch von ihrem Stuhl aufspringend und erblassend.
„Geheirathet, Angesichts aller Welt," antwortete Frau Goulard ganz betroffen überdie Wirkung, die ihre Erzählung hervorbrachte. „Was ist denn daran zu verwundern?"
Aber die Fremde ging, ohne etwas zu erwidern, mit langen Schritten im Zimmerauf und ab, Frau Goulard erschrack fast vor ihren heftigen Bewegungen und funkelndenBlicken, sie beeilte sich daher unter dem Vorwand, man habe ihr gerufen, das Zimmerzu verlassen. „Es ist klar am Tag," sagte sie zu sich selbst, „da steckt etwas dahinter,warum hab' ich Närrin auch Plaudern muffen."
IV.
Luch hatte das Fortgehen ihrer Wirthin gar nicht bemerkt, sie schien in einer entsetzlichcn Aufregung. Manchmal hielt sie die Hände vor die Stirne, als fürchte sie denVerstand zu verlieren, dann legte sie dieselbe auf's Herz, wie wenn sie einen furchtbarenSchmerz empfände.
„Vcrhcirathct!" rief sie immer wieder, „vcrhcirathet, welche Niederträchtigkeit! Erist also weit entfernt, mich zu erwarten, er glaubt, für mich sei er todt, er denkt:„Weine, arme betrogene Frau, weine und traurc dein ganzes Leben hindurch, was liegt,mir daran, ich bin glücklich! Aber du sollst mich wiedersehen, Graf Vüricourt, undnatt der Gewissensbisse soll wenigstens die Züchtigung nicht ausbleiben. O ich Thörin,vic ich noch auf seine Liebe baute! Aber ich will mich rächen, und die Rache soll derSchmach gleich kommen, ich will sie Alle mit Schande bedecken!"
Dann sank sie niedergedrückt von Schmerz auf einen Stuhl, ohne nur in Thräneneine Erleichterung zu finden.
Mela, die ab- und zugehend, von tzcr Erzählung der Wirthin kein Wort verlorenhatte, näherte sich jetzt ihrer Herrin nutz sagte: „Arme Herrin! Sie den Undankbarenvergessen und in unser schönes Land Zurückkehrn, ich Frankreich schon satt haben." —