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Aber Lucy schien sie nicht zu hören. „Ich habe immer gesagt," fuhr die Mulattin fort,„die Reise nichts Gutes bringen, — wenn Herrin will, ich sogleich einpacken undmorgen fort."
„Laß mich," sagte die Crcolin in einem Ton, daß Mcla erschreckt zurückwich. —Dann fügte sie sanfter hinzu: „Ich leide furchtbar, gute Mela, quäle mich nichtauch noch." —
Die Mulattin entfernte sich und drückte nur noch durch Blicke den Antheil aus,den sie an dem Kummer ihrer Herrin nahm. Gegen Abend brach ein heftiges Gewitter-aus; Lucy, die es in der drückenden Zimmcrluft nicht aushielt, blieb demungeachtet ausdem Balkon. Sie fühlte nicht, wie der Regen ihr in's Gesicht schlug - der Sturmin ihrem Innern machte sie fühllos gegen den Aufruhr in der Natur. Erst als FrauGoulard Licht brachte und sie beschwor, sich doch nicht so der Gefahr auszusetzen, undbeim Donnern am offenen Fenster zu bleiben, ließ sie sich willenlos in's Zimmerzurückführen.
„Befehlen die gnädige Frau sonst nichts mehr?" fragte die Wirthin.
„Nein!" -- Frau Goulard, die gerne noch Manches erfahren hätte, wandte sichjetzt an Mela. „Ach, und der herzige Kleine! Wie alt ist er denn?"
„Drei Jahre," sagte das Kind ganz stolz.
„Und wie heißt Du denn?"
„Georg."
Frau Goulard warf einen Blick auf die Fremde und fürchtete schon, ihr Mißfallenerregt zu haben, aber diese war in Gedanken versunken und sagte nur zur Wirthin, diesich zum Gehen anschickte: „Können Sie mir für morgen einen Wagen verschaffen?"
„Doch nicht um abzureisen?"
„Nein, nur um mich in der Gegend umzusehen."
Die Wirthin versprach es und ging. Mela, die ihre Herrin nicht bewegen konnte,zu Bette zu gehen, war endlich auf einem Stuhl eingeschlafen. Nur die arme Lucywachte, all' ihre Gefühle concentrirten sich in dem einen bittern Gedanken: du bist ver-gessen von dem, den du so sehr geliebt. Hie und da floß eine brennende heiße Thräneüber ihre Wangen, die sie aber sogleich unmuthig abtrocknete. „Mögen Andere weinen,"sagte sie, „ich — ich will mich rächen, er soll meine verrathene Liebe, seine gebrochenenSchwüre theuer bezahlen; Leid um Leid, und Gott weiß, wie viel ich gelitten, währender nur seiner neuen Liebe lebte. Aber die Stunde der Vergeltung hat geschlagen; duwirst aus deinen süßen Träumen erwachen müssen, Graf Vtzricourt, und dich des Ver-gangenen erinnern. Du hast mein Herz zerrissen, mich zur Verzweiflung getrieben, jetztwill auch ich ohne Erbarmen sein."
Dann Plötzlich wechselten ihre Empfindungen, vom Zorn ging sie in bitteren Schmerzüber, sie weinte über ihr verlorenes Glück, über ihr verlassenes Kind. Sie neigte denKopf auf den steinernen Rand des Balcons und hoffte, die Kälte werde ihre Fieberhitzeetwas lindern. Lange blieb sie so dem Schmerz ganz hingegeben, bis die Mulattin er-wachte und sich so trostlos zeigte, sie noch auf zu sehen, daß Lucy eher um sie zu be-ruhigen, als um selbst Ruhe zu finden, sich zu Bette begab.
Am andern Morgen meldete Frau Goulard, daß der Wagen bereit sei. Es ent-ging der neugierigen Wirthin nicht, daß die Fremde, als sie den Knaben beim Abschiedküßte, schwere Thränen in den Augen hatte; und als sie ihr beim Einsteigen noch einevergnügte Promenade wünschte, glaubte sie zu hören, daß die Dame als Ziel derselbendas Schloß Vöricourt nannte.
Es ist nicht zu beschreiben, welcher Sturm von Empfindung in Lucy während dereinstündigen Fahrt tobten. Doch begriff sie die Nothwendigkeit, ruhig zu scheinen. Siesuchte sich also zu beherrschen, nur Gott allein sah, was in ihr vorging, und Ihn flehte