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sie um Beistand an. Als der Wagen vor dem Schlöffe hielt, fragte sie einen Bedienten,ob der Graf zu Hause sei.
„Nein, gnädige Frau," war die Antwort, „es ist nur die Mutter des HerrnGrafen zu Hause."
„So melden Sie ihr, daß eine Dame, die ihr sehr Wichtiges mitzutheilen habe, siezu sprechen wünsche."
Der Diener ging und kam bald mit der Antwort zurück, die Dame möchte dieFrau Gräfin im Salon erwarten.
Er führte die Fremde in ein weites Gemach, dessen Meubel so alt wie das Schloßzu sein schienen und dem Zimmer ein düsteres Ansehen gaben. Eine Stickrahme, eineFarbenschachtel, daneben ein angefangenes Bouquet, verriethen die Anwesenheit einer Frau;Lucy wandte sich weg, der Anblick that ihr wehe. Da bemerkte sie am andern Ende desZimmers zwei Bilder in Lebensgröße, einen jungen Mann und eine junge Frau. DieZüge des ersteren waren ihr wohl bekannt, es war Graf Väricourt und sein Anblick er-weckte die widerstreitendsten Gefühle in ihr. Vielleicht dachte sie einen Augenblick nur anvergangene glückliche Zeiten, doch der Gedanke währte nur kurz, sie wandte den Blick aufdas Portrait der schönen Pauline d'Apremont, die ihr jede Hoffnung auf Glück geraubt.
Wie frisch und unmuthig sie war im Glanz der ersten Jugend. Diese reine, weißeStirne hatte noch kein Gedanke des Haffes getrübt, dieser reizende Mund hatte nurWorte der Liebe und des Wohlwollens gesprochen, welch' bezauberndes Ganze von Lie-benswürdigkeit und Bescheidenheit! Und doch mit welch' bitterem Hasse betrachtete Lucydas Bild! — Sie war so in ihren schmerzlichen Gedanken versunken, daß sie die An-kunft der Gräfin gar nicht bemerkte, die sie erstaunt ansah und endlich sagte: „ „Wieman mir gesagt hat, haben Sie mir Wichtiges mitzutheilen, ich bin bereit, zu hören.""
Bei diesen Worten schob sie der Dame einen Armstuhl hin. — So groß auchLucy's innere Bewegung war, so begann sie doch eben so ruhig und kalt, als ihreFragestellerin:
„Vielleicht ist es auch nichts Neues für Sie, Frau Gräfin , doch werde ich IhreErinnerungen auffrischen, wenn ich Ihnen sage, Laß es Bezug auf den Aufenthalt IhresSohnes in den Antillen hat." — Die Creolin heftete einen durchdringenden Blick aufdie Gräfin ; doch, sei es Selbstbeherrschung oder Unkenntniß, ihre Züge verriethen nurErstaunen. Lucy fuhr fort: „Ihr Sohn hat Ihnen gewiß von Herrn Ravieres, einemreichen Colonisten in Basse-Terre gesprochen, der ihm in seinen verwickelten Angelegen-heiten vielfach behülflich war."
„„In der That, ich erinnere mich dieses Namens." "
„Dieser Mann war mein Vormund "
Die Gräfin verneigte sich etwas hochmüthig.
„Ich sehe mit Bedauern," fuhr Lucy fort, „daß das unerklärliche Schweigen IhresHerrn Sohnes meine Aufgabe weitläufiger macht, als ich gedacht, und ich muß auf dieEinzelnheiten unserer ersten Begegnung zurückkommen. Mein Vormund war der intimeFreund feines verstorbenen Onkels und konnte ihm daher in Allem die beste Auskunftgeben, und gefällig und gastfrei wie er war, bot er ihm, in Erinnerung seines altenFreundes, sein Haus zum Aufenthalt während seiner Anwesenheit in Basse-Terre an."Lucy hielt einen Augenblick inne, die Züge der Gräfin verriethen keinerlei Bewegung.
Tann fuhr Lucy fort: „Ich war damals siebzehn Jahre alt, und ich darf es ohneEitelkeit sagen: ich war schön. Der Kummer hat diese Vorzüge so völlig zerstört, daßich deren erwähne, damit Sie um so eher die Liebe begreifen, die ich Ihrem Sohneeinflößte."
„„Eine Liebe, auf die Ihr dienstfertiger Vormund wahrscheinlich rechnete.""
Die blassen Wangen der Creolin färbten sich bei diesen Worten, doch antwortete sieruhig: „Mein Vormund liebte mich mit der Zärtlichkeit eines Vaters; er bemerkte zu