Ausgabe 
28 (12.1.1868) 2
 
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seinem größten Leidwesen meine Neigung für einen Fremden und er verfehlte nicht, HerrnVöricourt sogleich mitzutheilen, daß er sich dieser Verbindung ernstlich widersetzen werde."

Wie lächerlich,"" sagte die Gräfin,ein Herr Ravieres sollte sich der Verbin-dung eines Vsricourt mit seiner Mündel widersetzen!""

Was Sie auch davon halten mögen, Frau Gräfin , Ihr Sohn war in Verzweif-lung, als ihm mein Vormund das Haus verbot, und that Alles, ihn pon seinem Ent-schluß abzubringen."

Und Ihr Vormund ließ sich erweichen?"" fragte die Gräfin spöttisch.

Er that es," erwiderte die Fremde bitter,nicht für Ihren Sohn, sondern fürmich arme Thörin, die ich seine Schwüre von ewiger Liebe für Ernst nahm."

Sagte Ihnen mein Sohn denn nicht; Fräulein, daß er eine Mutter habe, dienie in eine solche Verbindung willigen würde?""

Er sagte mir, seine Mutter liebe ihn zärtlich und wolle ihn gewiß nicht un-glücklich sehen."

Er wußte aber doch, daß ich schon eine andere Hcirath für ihn beschlossenhatte.""

Dann war sein Verfahren nur um so strafbarer."

Ich läugne nicht, daß er leichtsinnig gehandelt hat, aber leider ist dies in seinemAlter ein gewöhnlicher Fehler, und Ihr Vormund war sehr unklug, Sie der Gefahrauszusetzen. Was soll ich Ihnen sagen, Fräulein? Ich kann das Ende Ihrer Ge-schichte jetzt leicht errathen. Mein Sohn und glauben Sie mir, ich tadle es strenge hat Ihre Uncrfahrenheit und Ihre Liebe mißbraucht und Sie verführt; das ist einUnglück, ein großes Unglück, weil es sich nicht ändern läßt. Aber deßhalb muß ich michauch wundern, Sie hier zu sehen. Eine Verführungs - Geschichte ist ein abgedroschenerGegenstand; man ist der armen Mädchen müde, die ihre Schande zur Schau stellen, inder Hoffnung, sich dieselbe möglichst gut bezahlen zu lassen oder ihre Verführer zu be-wegen, sie zu heirathen. Ich halte Sie einer solchen Berechnung zwar nicht fähig, aberSie müssen doch gewußt haben, daß mein Sohn vcrheirathet ist.""

Luch hatte die Gräfin ausreden lassen, ohne sie zu unterbrechen. Gott weiß, welcheGefühle des Hasses und der Rache in ihr tobten. Als die Gräfin schwieg, erwidertesie:Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, mein Vormund liebte mich zu sehr, um nichtvorsichtig zu sein; ich hatte nie etwas gemein mit jenen traurigen Heldincn, deren UnglückNiemand rührt. Sie thun auch ihren: Sohne Unrecht, wenn Sie ihm so unedle Ab-sichten unterschieben. Wie auch sein Betragen seitdem gewesen sein mag, ich bin gewiß,daß er es damals ehrlich meinte, als mein Vormund, durch unsere Bitten besiegt, ihmmeine Hand gewährte. Er betheuerte, daß seine Mutter sich gewiß mit einer Heirathaussöhnen werde, die ihn so glücklich mache."

Aber Ihr mußtet Alle wissen, daß diese Verbindung nicht ohne meine Zustim-mung stattfinden konnte." "

Sie irren sich, die Vollmachten, die Ihr Sohn in Händen hatte, um Sie inBafse-Terre zu vertreten, waren genügend."

Aber wohin soll das führen?" " fragte die Gräfin niit etwas erregter Stimme.

Ihnen zu sagen, daß ich allein die rechtmäßige Frau des Grafen Bvricourt bin."

Unmöglich!"" rief die Gräfin,daS ist eine infame Lüge.""

Halten Sie ein, Gräfin, keine Beleidigungen mehr, erregen Sie nicht noch mehrmeinen Zorn, es ist Ihnen schon zu gut gelungen."

Die Beweise, die Beweise,"" rief die Gräfin außer sich.

Fragen Sie Ihren Sohn, und Sie werden die ersten in seinem Gewissen finden,was die übrigen betrifft, werde ich sie an geeignetem Ort zur Geltung bringen."

Was gedenken Sie zu thun,"" fragte die alte Dame in höchster Angst.

Wie, Gräfin, Sie errathen es nicht? Ich werde das Verfahren des Grafen