Nr. L.
19. Januar 1868.
Augsbnr^er
Was das Leben gab, ertrageUnd verschmerze, was es nahm.
Schulze.
Rache und Liebe.
V.
Georgs Mutter war auf dem Platze geblieben, wo Lucy sie blaß und niederge-schmettert verlassen hatte; sie fragte sich, ob sie wache oder träume? Doch nein, siehört noch den fortrollenden Wagen, es ist Wirklichkeit, sie kann nicht daran zweifeln. —Sie überdenkt die Folgen der eben gehörten Drohung: dieser Sohn, auf den sie so stolzist, wird verfolgt, festgenommen werden, ein schmählicher Prozeß wird ihm gemacht, eineentehrende Strafe zuerkannt werden; nach dreihundertjährigcm Glanz soll der NameV6ricourt entehrt, geschändet werden, und ihr Sohn, ihr Georg soll es sein, der denedlen Stamm besudelt. Welche Freude für die Neider! welcher Triumph für die Feinde!Wenn aber Georg nicht schuldig ist? wenn das Ganze ein Gewebe von Lügen wäre?Aber was konnte die Fremde für eine Absicht haben? was konnte ihr die Lüge nützen?Wozu hätte sie ihr Land verlassen und die beschwerliche Reise unternommen, um Rechtegeltend zu machen, deren Unächtheit sie kennen mußte? Dann erinnerte sie sich derVeränderung im Wesen Georgs, seiner langen Weigerung, Pauline zu heirathcn, obgleicher sie liebte. Und jetzt noch, woher die tiefe Traurigkeit, die oft der ausgelassenstenFreude folgte; warum stieß er oft seine junge Gattin unfreundlich zurück und überhäuftesie dann wieder mit Beweisen von Zärtlichkeit. Umsonst will die Gräfin sich dieserpeinlichen Logik entziehen, sie empfindet einen Schmerz, gegen den die Trauer um dentodt geglaubten Sohn nichts war; sie muß vielleicht noch beklagen, daß er bei demSchifsbruch nicht umgekommen ist.
Mitten unter diesen schmerzlichen Erwägungen wurde sie von fröhlichem Gelächterunterbrochen, die Thüre ging auf und Pauline trat herein. „Liebe Mama, sehen Sienur, wie ich aussehe," sagte sie und breitete ihr mit Schmutz bedecktes Rcitkleid aus. —„Sie sind doch nicht böse, daß wir nicht schon gestern gekommen sind? Es war unsbei dem furchtbaren Gewitter wahrhaftig nicht möglich.^
„„Nein doch, nein,"" sagte die Gräfin, die kaum gehört hatte, was ihre Schwie-gertochter gesagt, „„seid Ihr zu Pferd gekommen?""
„Ja, ich wollte lieber mit Georg reiten, als mich von meinem Bruder nach Hausefahren lassen, und sehen Sie nur, wie ich zugerichtet bin."
„„Wo ist Georg?"" — fragte Frau von Vöricourt.
„Er sieht nach den Pferden, denke ich. Wir waren so vergnügt, Georg war soliebenswürdig! Wie er mich zu zerstreuen suchte während des Gewitters, weil er weiß,daß ich mich fürchte. Ich kann aber auch nicht sagen, wie sehr ich ihn liebe, meinenguten, meinen vortrefflichen Georg."
„„Wo ist mein Sohn?"" fragte die Gräfin neuerdings.
Die junge Frau sah sie erstaunt an. „Sie sind blaß, Mama," sagte sie, „findSie unwohl?"
„„Nein, mein Kind, nur etwas Migräne, aber ich möchte mit Georg sprechen.'"