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Jetzt trat Georg in's Zimmer und auch er schien ausnahmsweise sehr heiter zu sein.
Er küßte seiner Mutter die Hand und fragte, wie es ihr ginge.
„Die Mama ist leidend," sagte Pauline.
„Wirklich, ich finde Deine Züge etwas angegriffen."
„„Ziehe den Vorhang vor, Pauline, die Helle thut mir wehe.""
Die junge Frau beeilte sich, dem Wunsche nachzukommen, und die Gräfin benützteden Augenblick ihrem Sohne zu sagen: „Ich muß mit Dir sprechen, folge mir sogleich «s-in mein Zimmer."
Sie ging und Pauline fragte ganz betroffen: „Was hat denn die Mama, ichhabe sie noch nie so gesehen; sie muß sehr leidend sein."
„Ich weiß nicht," sagte Georg, den die bevorstehende Unterredung beschäftigte; „aberkleide Dich doch um, meine Liebe!"
„Ach ja, ich hatte ganz darauf vergessen! Ich war so heiter, als ich kam, undjetzt ist mir's ganz schwer um's Herz; ich komme gleich wieder, Georg, laß mich jetztnicht allein. Aber was hast Du denn, Du antwortest mir nicht."
„Das Unwohlsein meiner Mutter beunruhigt mich."
„Sie ist so Plötzlich fort."
Diese Worte erinnerten Georg, daß die Gräfin ihn erwarte. Er verließ seine Frauund eilte zu seiner Mutter, die ihm ungeduldig entgegen ging. „Endlich!" sagte sie,
„das hat lange gewährt. Und doch waren es kaum fünf Minuten;" dann fuhr sie ohneUmschweife fort: „Georg, kannst Du Deines Aufenthaltes in den Antillen ohne Furchtund Reue gedenken?"
Bei dieser plötzlichen Frage erblaßte der Graf, er seufzte und verbarg das Gesichtin die Hände.
„Georg, so rede doch," drängte die Gräfin in höchster Aufregung.
„Ach," sagte er leise, „der gefeuchtete Augenblick ist gekommen, und wenn Gott damit zögerte, so war es nur, um die Strafe desto empfindlicher zu machen." .
„Es ist also wahr," schrie die Gräfin laut auf, „mein Sohn ist ein Ehrloser!"
„Mutter!"
„O warum konnte ich nicht sterben, bevor dieser Tag anbrach."
„Mitleid, Mutter, ich bin ohnedieß schon so unglücklich."
„Mitleid?" — rief die Gräfin außer sich, „Du findest es weder bei Deiner ver-lassenen Frau, noch bei Deiner Mutter, die Du mit Schande bedeckt hast, und wolltestDu etwa das des unglücklichen Mädchens anflehen, auf die unsere Schmach theilweisezurückfällt?"
„Höre mich, Mutter!" rief Georg.
„Du hast den mackellosen Namen Deiner Ahnen befleckt. — Fluch und Schandeüber Dich!"
Mit diesen Worten sank sie ganz erschöpft in ihren Lchnstuhl. Georg, ein wahresBild der Verzweiflung, kniete vor ihr nieder.
„Höre mich," flehte er, „ehe Du mir fluchst. Ich bin strafbar gewesen, sehr straf-bar, aber gerade Du, Mutter, solltest am ersten mit Nachsicht urtheilen "
Die Gräfin machte eine verneinende Bewegung, während ihr Sohn fortfuhr: „Alsich nach einem einjährigen Aufcnthait in den Antillen eine Verbindung einging, von derich wußte, daß Sie sie nie billigen würden, war ich von einer Leidenschaft beherrscht, dieum so größer war, als man mir Hindernisse in den Weg legte. Ich überredete mich,
Ihre Zärtlichkeit werde mir Verzeihung angedcihen lassen und schmeichelte mir, dieselbe ^
um so eher zu erlangen, wenn ich meiner Sache selbst das Wort redete, deßhalb zögerte '
ich immer, Ihnen meine Heirath brieflich mitzutheilen. Zudem muß ich der armen LucyGerechtigkeit widerfahren lasten, sie war schön, reich und gebildeter als alle Frauen ihresLandes, und außer ihrer Geburt hätten Sie gewiß keinen Tadel an ihr finden können.