Ausgabe 
28 (19.1.1868) 3
 
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Ich liebte sie, liebte sie leidenschaftlich, doch sollte ich nie ein reines Glück genießen, mein> unseliges Geheimniß lastete mir schwer auf dem Herzen, besonders nachdem mir Luch

einen Sohn geschenkt, fühlte ich das Gewicht einer verletzten heiligen Pflicht erst recht.Ihre Briefe, die zur Rückkehr mahnten, wurden immer häufiger; Sie sprachen vonIhrer erschütterten Gesundheit, von Ihrer Befürchtung, mich nicht mehr zu sehen. Ichkonnte meiner Frau, die erst von einer schweren Krankheit genas, die weite Reise nichtzumuthcn; eben so wenig wagte ich auf dem Vorschlag zu bestehen, allein zu reisen.Aber als sie sah, in welcher beständigen Angst mich die Nachrichten über Ihre Gesund-heit versetzten, als sie meine Verzweiflung sah bei dem Gedanken, daß mir eines Tagesdie Nachricht von Ihrem Tode zukommen könnte, da gab sie nach. Ich versprach ihr,nicht länger in Frankreich zu bleiben, als bis ich Sie mit unserer Verbindung ausge-söhnt und bewogen Hütte, sie als Tochter aufzunehmen. Gott weiß, kein strafbarer Ge-danke kam mir damals in den Sinn. Ich reiste ab; Sie kennen die Geschichte unseresSchiffbruchs, das elende Leben, das ich während sechs Monate führte, Gott täglich, nichtmehr um Errettung bittend, die ich für unmöglich hielt, sondern um den Tod, der mei-nen Leiden ein Ziel setzen sollte. Endlich auf ein Kauffahrteischiff aufgenommen, sah ichmein Vaterland wieder, ich sah Sie wieder, Mutter!"

Ach ja, das war ein schöner Tag," sagte die Gräfin,und ich Thörin glaubtejetzt allem Unglück Trotz bieten zu können."

Nach einigen Augenblicken des Schweigens fuhr Georg fort:Werden Sie be-greifen, was mir noch zu sagen übrig bleibt? Ich glaube nicht, denn ich selbst begreifees nicht. Aber es ist nur zu wahr: so sehr hatten meine Leiden mein ganzes Wesenverändert, daß ich all' die Wünsche vergessen hatte, mit denen ich Baffe-Tcrrc verließ.Ich wollte nichts anderes mehr, als ein ruhiges Leben mit Ihnen in meinem Vaterland.Bei meiner Ankunft waren Sie noch leidend durch den Kummer über meinen vcrmeint-. Ucheu Tod; Sie sprachen mir sogleich von dem Heiraths-Project mit Pauline, ich wollte

Sie in diesem Augenblick nicht betrüben, indem ich Ihnen das unübersteigliche Hindernißmittheilte und wollte zuwarten. Indessen wäre es an der Zeit gewesen, Luch vonmeiner glücklichen Rettung in Kenntniß zu setzen; ich wollte ihr schreiben, doch da hätteich beifügen müssen, daß ich noch nichts gethan, Ihre Einwilligung zu unserer Verbin-dung zu gewinnen. Neun Monate waren seit meiner Abreise von Baffe-Terre ver-flossen; sie mußte von unserem Schiffbruch gehört haben. Der heftigste Schmerz istvorüber, dachte ich, wäre es nicht bester, ihr meine wunderbare Rettung ganz zu ver-schweigen, da sie in mir doch den Mann nicht mehr fände, den sie geliebt. Der Kriegentbrannte aus'S Neue, wie hätte ich sie holen können? Erlassen Sie mir, Ihnen all'die elenden Scheingründe aufzuführen, welche mich leiteten, und bei denen ich selbst er-röthe. Ich frage mich oft, wie es möglich ist, daß Physische Leiden den Menschen soabstumpfen! Ja, ich fürchtete mich, noch einmal eine Reise zu unternehmen, die mir sounheilvoll geworden war; ich beschönigte meine Feigheit durch die Vorspiegelung, daß ichmeine Frau und mein Kind solchen Gefahren nicht aussetzen dürfe. Bald gesellte sich zudieser Gedanken-Ausgeburt meiner unsäglichen Leiden ein anderer Beweggrund"Georghielt inne, es ward ihm schwer, fortzufahren.

Ich weiß, Mutter," begann er wieder,daß ich sehr gefehit habe, aber geradeSie sind mir am ehesten Nachsicht schuldig, da Sie, obgleich unfreiwillig, am meistenSchuld an meinem Fehltritt tragen. Jeden Tag rühmten Sie mir Paulinens Schön-^ hcit, ihre Anmuth, ihre Liebenswürdigkeit, ihre Sorgfalt, mit der sie mich pflegte, als' ' ich nur langsam wieder zum Leben zurückkam, bis ich endlich gewahrte, daß mein Herz,das ich für alle zärtlicheren Gefühle schon erstürben glaubte, für Fräulein d'Apremontnicht unempfindlich geblieben sei. Damals hätte ich fliehen sollen, Alles machte es mirzur Pflicht: meine Ehre, mein Verhältniß zu Lucy, wie Paulinens naive Liebe, die ichnur zu leicht durchschaute. Aber ich blieb, ich unglücklicher Thor, ich hielt mich für