Ausgabe 
28 (19.1.1868) 3
 
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stärker, als ich war. Erinnern Sie sich, Mutter, wie sehr Sie in mich drangen, Pau-line zu heirathen, die ich schon innig liebte, Sie stellten mir diese Heirath als den höchste»

Wunsch Aller vor und mein Herz war nur zu geneigt, Ihnen zu willfahren."

Die Vorwürfe meines Gewissens," fuhr Georg fort,beschwichtigte ich damit,daß Lucy mich längst für todt halten mußte, was lag daran, daß wir noch weiter ge-trennt würden? Ich war fest überzeugt, daß sie nie mehr etwas von mir hören würde,da sie sehr zurückgezogen lebte, und auch ich wollte dieses Schloß nie mehr verlassen.

Lucy war auch reich, sie brauchte mein Vermögen nicht, weder für sich noch für ihr Kind.Glauben Sie jedoch nicht, daß ich mein Verbrechen beschönigen will, ich will Ihnen nurdarthun, wie ich durch diese Sophismen mein Gewissen einschläferte und der schrecklichenVersuchung erlag. Sie werden wissen, wie ich noch am Vorabend der Vermählung völligabbrechen wollte. Ich war die ganze Nacht wie unsinnig auf dem Feld herumgeirrt, dieGewissensbisse verfolgten mich, ich war mir selbst zum Abscheu, und faßte endlich denEntschluß, Alles zu gestehen. Bei den ersten Worten unterbrachen Sie mich zornig;

Sie thaten daran nicht klug; Ihren Bitten hätte ich vielleicht nachgegeben, Ihre Vor-würfe bestärkten meinen Entschluß. Wir wären so Alle gerettet gewesen, da erschienPauline. Bei ihrem cngclgleichen Lächeln, bei ihren Liebe und Glück athmenden Worten *wankte mein Vorsatz. Es schien mir grausam, dieses liebende Herz zu brechen. Ichkämpfte nicht weiter, ich schloß die Augen wie Einer, der am Rand eines Abgrundeseinschläft, mit der festen Ueberzeugung, bei der ersten Bewegung hinabzustürzen. Aberwelche Last ist es, um ein böses Gewissen! Wie viele ruhelose Tage und schlafloseNächte verbrachte ich, in denen mir Lucy meinen Meineid vorwarf, wie oft hab' ich denAbgrund ermessen, in den die Wahrheit mich einst stürzen müßte! Ich weiß nicht, obdiese Strafe mir noch vorbehalten ist, aber zwanzigmal hab' ich sie schon im Geist er-duldet! Doch wie haben Sie mein schreckliches Geheimniß errathen? Mutter, haben Siedie Gewissensqual auf meiner Stirne gelesen?"

Errathen? Unglücklicher! Deine Frau selbst hat mir Alles gesagt, Deine Frau,die nur auf Rache denkt."

Lucy!" rief Georg, mit Blitzesschnelle aufspringend,Lucy ist in Frankreich , siewar hier?"

Leider, und ich, die ich von ihren Rechten nichts wußte, reizte sie noch, indem ichsie als Aveuturicre behandelte, die eine Liebelei mit Dir ausbeuten wollte. Wie konnteich auch meinen Sohn für so strafbar halten? Du selbst mußtest es mir sagen, bis '

ich es glaubte."

Georg war in einem Zustande völliger Betäubung. Lucy wußte also um seinenVerrath und wollte die Rache niemand Anderem überlassen. Diese Frau, die er einst sozärtlich geliebt, und die mit so viel Liebe an ihm gehangen, war jetzt seine erbittertsteFeindin. Was sollte aus der armen Pauline werden, auf die ein Theil der Schandezurückfällt. Er ließ sich alle Einzclnhcitcn der Unterredung noch einmal erzählen, unddas Verzweifelte der Lage wurde ihm immer klarer.

Womit könnte man doch diese Frau zum Schweigen bringen?" fragte endlichdie Gräfin.

Georg senkte den Kopf, er kannte die junge Creolin zu gut; wenn sie auch hin-gebend und aufopfernd war, so erwachte doch die ihrem Lande eigene Leidenschaftlichkeit,wenn sie sich in ihren Gefühlen verletzt sah, und konnte sie als Gattin und Muttertiefer gekränkt werden?

Nach dem zwischen Lucy und Frau von Vöricourt Vorgefallenen war diese nichtdie geeignete Person, eine friedliche Lösung anzubahnen, sie wandte sich daher an eineMittelsperson, deren Stand und Charakter dazu passend schien.

(Fortsetzung folgt.sf